Die Geschichten

Denken, Losgelöst Vom Alltag

Warum die Berge eine besondere Denkqualität fördern: das Medicinicum in Lech Zürs gibt Antwort.

„In den Bergen denkt man leichter,” sagt Dr. Markus M. Metka, einer der beiden wissenschaftlichen Leiter des Medicinicums, einer mehrtätigen Public Health-Veranstaltung in Lech Zürs. Die gute Luft und die Höhe regen an, die Dinge einmal von einer anderen Perspektive aufzugreifen. Deshalb hat sich das Medicinicum einer äußerst spannenden Mission verschrieben: Medizin, Kunst und Ethik auf einen Nenner zu bringen. Konkret widmet man sich zeitgemäßen Themen wie Ernährung, die unter philosophischen, medizinischen und auch politischen Gesichtspunkten einmal ganz neu aufgerollt werden. 
Mit dabei sind hochkarätige Vortragende und Experten aus Medizin, Landwirtschaft, Forschung und Kulinarik. Im folgenden Interview erklärt Dr. Metka, seines Zeichens auch Präsident der Österreichischen Anti-Aging-Gesellschaft, welche Erkenntnisse im Medicinicum gewonnen werden und warum das Interesse für eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen gerade jetzt aktueller denn je ist.

Woher kam die Inspiration für das Medicinicum?

Es gibt da ein spannendes Buch mit dem Titel "Der verlorene Horizont", welches davon handelt, dass ein paar Leute in den Himalaya verschlagen werden und sich dann aufgrund der Abgeschiedenheit und der Höhe der Berge eine besondere Denkkultur und eine lange Lebensdauer ergibt. Diese Idee hat mich schon lange fasziniert. Man braucht für Tagungen wie das Medicinicum, wo es um die spannende Verknüpfung von Philosophie, Medizin und Politik geht, auch ein passendes Umfeld. 

Was macht Lech Zürs zum idealen Gastgeber für das Medicinicum?

Hier in den Bergen herrscht eine eigene Qualität des Denkens… ein völlig losgelöstes, im Unterschied zu den Städten; nicht nur, weil man auf Distanz zum Alltag und zum Stress steht. 

Das Medicinicum bietet eine Schnittstelle zwischen Gesundheit, Essenskultur und Philosophie. Warum räumt man dem ganzheitlichen Zugang plötzlich so viel Aufmerksamkeit ein? Und warum gerade jetzt?

Ich möchte fast sagen, es war höchste Zeit. Wir haben eine großartige Medizin im Westen, wir nennen es die Schulmedizin, die hat viele wunderbare Dinge erreicht, aber der Mensch als Ganzes ist zu kurz gekommen. 
Jetzt müssen wir gegensteuern und eine Ökumene schaffen zwischen unserer Schulmedizin, der indischen/ayurvedischen und der chinesischen Medizin. Diese uralten Hochkulturen haben schon früh klar erkannt, was für den Menschen gut ist. Zum Beispiel hat Konfuzius vor 2400 Jahren schon gesagt: Wenn du Fleisch isst, dann von Tieren mit zwei Beinen oder keinen Beinen. Heute kann man mit wissenschaftlichen Methoden genau beweisen, dass der gute Konfuzius Recht gehabt hat.
Zweibeiner haben ein ideales Aminosäuremuster, Eiweißmuster, einen sehr hohen Anteil an gesunden Fetten, und sind dem Fleisch von Vierfüßern um vieles überlegen. Und Fische sind natürlich wegen ihrer Omega-3-Fettsäuren sehr wirksam.

Was versteht man Ihrer Meinung nach also unter gesunder Ernährung?

Nun, erstens die Bewusstwerdung, Lebensmittel und nicht irgendwelche Nahrungsmittel zu essen. Diese Gefahr besteht ja heute mehr als damals. Durch die fertigen Lebensmittel werden wir alle übersalzen, überfettet und überzuckert. Ein ganz wesentlicher Punkt aber ist, und ich muss gestehen, dass ich mich auch nicht immer daran halte, die Reduktion.

Also geht es um die eigene Einstellung?

Natürlich. Man beobachtet es ja an einem selbst: Wenn man es schafft, ein paar Tage lange diszipliniert zu sein, dann fühlt man sich einfach gut.

Der Trend zum bewussten Leben verbreitet sich immer mehr. Ist das mehr als nur eine Phase?

Zum Glück ja, würde ich behaupten. Bei jungen Menschen sehe ich immer öfter, dass sie viel ausprobieren, was ihnen gut tut und was nicht. Generell wächst das Bewusstsein unter den Verbrauchern – und sie tun sich zusammen. Das finde ich spannend.

Werden im Medicinicum auch wegweisende Ansätze erarbeitet? 

Alles was wir hier propagieren, das sind Erkenntnisse, die dem Konsumenten zugute kommen, denn er entscheidet, was er kauft oder nicht. Dem Handel ist es leider nach wie vor größtenteils egal, wenn die Fructose in irgendeinem Getränk bei mir eine Fettleber erzeugt.

Was steht bei Ihnen auf dem Speiseplan?

Für mich ist das Frühstück das Wichtigste: Haferflocken mit Soja oder Mandelmilch, Bananen; Nüsse, vor allem Walnüsse, sind Anti-Aging Bomben. Dann gebe ich oft noch Chiasamen und Ingwer dazu; und Salz, damit das Ganze nicht zu langweilig wird. Es muss einem schmecken, sonst funktioniert das nicht. Ich trinke auch immer Granatapfelsaft oder warmes Wasser mit zwei Gewürznelken drinnen.

Die Vorstellung von der ewigen Jugend zieht die Menschen seit jeher ihren Bann. Was fasziniert sie als Anti-Aging Experte besonders daran?

Sich die Leistungsfähigkeit so lange als möglich zu erhalten. Wie alt man wird, das halte ich nicht für so wichtig, aber dass man gesund bleibt. In der chinesischen Medizin liegt der Fokus auf der Erhaltung des Chis, der Lebenskraft. Diese braucht man, um seine Ziele im Leben zu erfüllen. Dahingehend spielt auch das Philosophische eine entsprechende Rolle.

Inwiefern?

Nun, das herauszuarbeiten ist Teil der Aufgabe des Medicinicums. Bei normalen Medizinkongressen dreht sich alles um Krankeiten, Symptome, Diagnosen, Behandlungen, aber der philosophische Ansatz kommt immer viel zu kurz. In den chinesischen oder indischen Schulen ist das ganz selbstverständlich.
Wenn es um das gute Altern geht, dann gibt es zwei Merkmale, die sich laut Studien alle 100-jährigen miteinander teilen: Es gibt keinen übergewichtigen 100-jährigen, und alle beherrschen eine positive Stressbewältigung. Das sehe ich auch bei meiner 84-jährigen Mutter: Die ist durch nichts zu erschüttern. Es gibt ja einen Typ Mensch, der sich über alles aufregt. Die haben keine guten Voraussetzungen.

Wie kann man proaktiv zur Veränderung beitragen?

Sich mehr mit spirituellen oder geistigen Dingen auseinanderzusetzen. Das ist ja der große Mangel in unserer Gesellschaft heutzutage. Nur wenn man geistig stark ist, prallt vieles leichter an einem ab. 

Text: Sandra Pfeifer
Fotos: David Payr // friendship.is

7. Juli 2017

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