Die Geschichten

Namaste, Lech!

Ein traditioneller Wintersportort in den Alpen und fernöstliche Spiritualität – kann das funktionieren? „Auf jeden Fall“, meint Yogi und ehemalige Unternehmensberaterin Anna Reschreiter.

Die einen schwören darauf, die anderen verdrehen schon beim Wort „Yoga“ die Augen. Die einen halten es für das ultimative glückbringende Selbstheilmittel, die anderen für einen überhypten Esoterik-Trend, der schon viel zu lange anhält – zweiteres dürfte auch Anna so in etwa gedacht haben, als eine Freundin ihr vorschlug, mit in die Yogastunde zu kommen. Das ist sechs Jahre her. Hätte ihr damals jemand gesagt, dass sie heute selber Mukha Svanasana, den Hund, und Surya Namaskar, den Sonnengruß, unterrichten würde – sie hätte sicher die Augen verdreht. Die studierte Betriebswirtin lebte damals in Wien und stöckelte jeden Tag in hohen Schuhen und schickem Kostüm zu ihrem Arbeitsplatz – Branche: Unternehmensberatung. Zur ersten Yogastunde ließ sie sich dann doch von ihrer Freundin überreden. Und so nahm alles seinen Lauf. 

Über Befreiungsschläge, Aha-Erlebnisse und glückliche Füße

Was ist nun das Besondere an der Geschichte der Frau, die anfänglich nur einen körperlichen Zugang zu Yoga hatte („Ich habe mich ausgepowert und gemerkt, wie gut mir das tut...“), erst mit der Zeit feststellte, dass die Praxis auch ihr mentales Wohlbefinden beeinflusste („Ich wurde ruhiger, konnte mich besser konzentrieren und nahm mir nicht mehr alles so zu Herzen...“) und das in weiterer Folge zu Ereignissen und Entscheidungen führte, die bewirkten, dass sie nun das tut, was ihr so sehr viel mehr entspricht als das, was sie geplant hatte? Wahrscheinlich gar nichts - aber genau das macht die Geschichte auch zu etwas Besonderem: Es ist nicht die Story einer Auferstehung nach dem Burnout oder der Sinnkrise. Keine Eat, Pray, Love-artige Transformation. Es gab keine gesundheitlichen Probleme und keine quälende Orientierungslosigkeit. Und trotzdem änderte sich alles – schön langsam und schrittweise. Anna merkte, dass es auf Dauer keinen Sinn machte, nur des Jobs willens jedes zweite Wochenende hunderte Kilometer von Wien nach Lech und zurück zu fahren. Sie stellte fest, wie frei sie sich plötzlich fühlte, als sie aufhörte, ihre Füße in High Heels zu quetschen („...du presst deinen Fuß in den Schuh, du presst deinen Geist in ein bestimmtes Schema, du presst dich selbst in etwas anderes...“). Sie erinnerte sich an das, was sie als Kind schon gewusst und nur vergessen hatte: „Ich brauche die Natur, sie gibt mir unheimlich viel Kraft.“ Man könnte meinen, dass die Yoga-Praxis ihr dabei geholfen hat, zu sich selbst zu finden, in einem Moment da sie noch nicht wusste dass sie gar nicht ganz bei sich war. Vielleicht wäre es ohne Yoga ganz genau so gekommen – man weiß es nicht. Aber dass die regelmäßige Praxis sich auf Körper und Seele auswirkt, würde wahrscheinlich jeder Yogi sofort unterschreiben. 

 

Nepal, Indien, Thailand, Lech

„Travel often; getting lost will help you find yourself“, so eine der 15 Lebensweisheiten des Holstee Manifests, jenem von New Yorker Kunst-Studenten designten Posters, das 2011 die Welt eroberte. Auch wenn Anna vielleicht gar nicht das Gefühl hatte, sich finden zu müssen – der Wert des Reisens war ihr schon klar gewesen, bevor sie anfing, Yoga zu lieben. Und die wachsende Liebe zu Yoga führte dazu, dass sie ihren Job in Wien kündigte, den Rucksack packte und zwei Monate lang durch Nepal reiste, wo sie in einem Retreat-Center auch ihre ersten intensiven Meditationserfahrungen machte: „Bei der ersten Morgenmeditation war es noch stockdunkel und mir sind ständig die Füße eingeschlafen. Aber dann habe ich doch irgendwie zur Ruhe gefunden. Als es dann langsam heller wurde und die Vögel zu zwitschern begonnen haben, habe ich die Augen geöffnet und alles war so friedlich. Das war der Moment in dem ich dachte: Davon muss ich mehr machen.“ Die nächste Fernreise ging nach Nordindien („dahin, wo der Dalai Lama wohnt“) – zehn Tage kein Handy, kein Buch, kein Augenkontakt und Austausch mit anderen und zwölf Stunden Meditation pro Tag. „Das war so hart, dass viele abgebrochen haben und ich war wie jeder andere auch kurz davor“. Aber Anna zog es durch. Und wurde reich belohnt: „Als ich das Center verließ, setzte ich mich neben einen rostigen Stuhl und einen ausgedörrten Strauch. Ich saß einfach da als eine Biene und ein Schmetterling vorbeikamen. Ich sah sie an, wie sie herumflogen und merkte, wie schön sie waren. Für mich war die Schönheit noch nie so sichtbar wie in diesem Moment.“ 
2013 folgte die Yogalehrer-Ausbildung beim international angesehenen Trainer Paul Dallaghan in Thailand. Und die brachte ihr das Zertifikat, mit dem sie nun ihren SchülerInnen in Lech die fernöstliche Praxis näher bringt.

Ode an Lech

Es gibt Yogis, die ihren Lehrern wie Groupies nachreisen. Die sich für ein Nomadenleben entscheiden, ihre Wohnungen und Arbeitsplätze kündigen und sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. „Ich behalte meine Basis und die will ich auch nicht aufgeben“, so Anna, die in Lech nicht nur Yoga unterrichtet, sondern auch gemeinsam mit ihrer Mutter die Pension Gradenburg leitet. „Ich liebe das Verwurzelte, das urige Österreich, die Natur hier, die Berge. Ich glaube, dass alle Emotionen in den Bergen stärker sind, denn die Kraft der Natur kommt mir hier größer, höher und intensiver vor.“ Lech sieht sie als Kraftort, an dem Yoga noch ein großes Thema werden könnte, denn „die Menschen suchen überall auf der Welt nach schönen Plätzen, um Yoga zu machen.“ Und Lech sei definitiv so ein Ort. Ein Ort, an dem Menschen, die gar nicht wissen, dass sie sich verlaufen haben, in atemberaubender Natur zu sich selber finden können. Oder sich einfach mal so richtig auspowern.

 

Text: Martha Miklin // friendship.is
Fotos: Astrid Knie // friendship.is

17. August 2016

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