Die Geschichten

Vom Einatmen Und Aussteigen

Aussteigen, aufsteigen und atmen ist zum Luxus unserer Zeit geworden. Wann hast du zuletzt deinen eigenen Atem gehört? Bewusst Luft in die Lungen gesogen und wieder ausgeatmet?

Es gibt kaum einen Platz in Lech Zürs am Arlberg, von dem aus das Biwak nicht zu sehen ist. Es steht exponiert auf 2.354 Metern am Fuße des Stierlochjochs. Ein kleiner Holzkubus, fest verankert, frei auf einer grünen Felskuppe. Viele kennen ihn. Wahnsinnig schön muss es dort sein. Abgeschieden, ruhig und mit atemberaubender Aussicht. Die meisten schwärmen vom Biwak, waren aber noch nie dort. Dabei wäre es so einfach.

Am Parkplatz überprüfen wir noch einmal unsere Rucksäcke: Haben wir nichts vergessen? Es ist nicht viel was wir brauchen: Wasser, Proviant, Schlafsack und eine warme Mütze. Den Schlüssel zum Biwak haben wir im Tourismusbüro abgeholt. Dann geht es los, raus aus dem Dorf, vorbei an den letzten Häusern und gleich steil hinauf. Bald flauen die Gespräche ab, der Atem wird langsamer und tiefer. Noch hören wir den Hubschrauber über dem Tal kreisen. Beim Blick hinab fühlen wir aber schon die Distanz zum Alltag.

Die Sonne sinkt immer tiefer und scheint nur noch sanft auf die Wiesen. Blumen wiegen im Wind. Unser Blick schweift über die Hügel. Immer wieder bleiben wir stehen um den Ausblick über die Bergkämme zu genießen. Ganz hoch oben zeichnen sich die Umrisse von Liftstationen und Hütten ab. Wir wandern weiter. Die Geräusche, die der Wind vom Tal heraufträgt, werden immer leiser. Wir hören das Klackern der Wanderstöcke, wenn sie auf felsigen Untergrund stoßen. Dann das Rauschen eines Bachs. Die Luft wird frischer, der Atem fließt kräftig durch unsere Lungen.

Konzentration auf das Wesentliche

Es sind ungefähr drei Stunden, die das Dorf vom Biwak trennen. Das geschäftige Treiben von der Ruhe am Berg. Es ist nicht schwer, einfach dort hinauf zu wandern, und doch machen es nicht viele. Die bewusste Entscheidung, einen Abend lang auf eine Dusche, ein warmes Bett und seinen Fernseher zu verzichten, fällt offenbar nicht leicht. Oder kommt den meisten gar nicht in den Sinn. Zu sehr drängen sich ganz viele andere Themen auf: Mails vom Arbeitsplatz, Anrufe von Freunden und tägliche Pflichten, die wir uns selbst auferlegt haben. Wir wissen nicht mehr wohin als nächstes und vergessen dabei auf die einfachste Lösung: Konzentration aufs Wesentliche.

Dass das Wesentliche so nah liegt, merken wir als wir den Zürser See hinter uns lassen. Wir stapfen über vereinzelte Schneefelder und durch moorige Hochebenen. Nach jeder Kuppe eröffnet sich ein neuer atemberaubender Ausblick. Als wir das Madlochjoch erreichen, senkt sich die Sonne hinter den Bergspitzen und das Licht streift tief über das Biwak, das einsam auf seiner Erhebung steht. Hier oben sind wir wirklich alleine. Nichts ist mehr zu hören, nur außer unsere tiefen Atemzügen und Begeisterungsbekundungen.

Eine Nacht voller Einfachheit

Wir erreichen das Biwak als die Sonne untergeht. Die Luft kühlt schnell ab, doch in der kompakten Holzhütte ist es warm. Die Biwakschachtel ist eingerichtet wie ein Schlafwagen - allerdings ohne Trubel und komplett aus Holz. Zwei Schlafplätze übereinander an jeder Wand und ein Tisch in der Mitte. Auf diesem breiten wir Brot, Käse und Wurst aus. Nach dem Aufstieg schmeckt das einfache Abendessen so gut wie ein Haubenmenü.

Kerzenlicht, eine Taschenlampe und das Licht der Sterne beleuchten das Biwak und die steilen Felswände, die schützend um unseren Schlafplatz emporragen. Die Lichter von Lech Zürs am Arlberg leuchten im entfernten Tal. Vielleicht schaut gerade jetzt jemand nach oben und sieht den Holzkubus einsam in der Nacht stehen. Abgeschieden, ruhig und mit atemberaubender Aussicht.

Aufstehen und Durchatmen

Die Nacht ist kurz. Früh schon wecken uns die ersten Sonnenstrahlen. In der eiskalten Morgenluft streifen wir durch das nasse Gras und sprechen kein Wort. Die Ruhe ist an diesem Morgen nicht nur um, sondern auch in uns eingekehrt. Noch verträumt vom Schlaf sehnt sich keiner nach Nachrichten oder Gesprächen. Es ist nicht Einsamkeit, die uns einhüllt, sondern Abstand vom Unwesentlichen und eine gewaltige Bergkulisse.

Der Abstieg fällt leicht. Zuerst wieder hinab über Felsen, dann über sanfte Hügel. Den Wanderern denen wir begegnen, erzählen wir stolz von unserem Erlebnis. Im Dorf schauen wir hinauf und wissen, dass es stimmt was die Leute erzählen. Es ist wahnsinnig schön dort oben und der richtige Platz um einmal tief durchzuatmen.

Text: Elisa Heißenberger // friendship.is
Fotos: Florian Lechner // friendship.is

13. Oktober 2016

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