Die Geschichten

More Than A Race

Den Schreibtisch gegen ein Abenteuer an der frischen Luft einzutauschen ist immer eine gute Idee. Der Davos Klosters Swissalpine Marathon bietet jedoch deutlich mehr als ein Rennen, wie man es aus den Städten dieser Welt kennt.

„Das wird ein Reinfall“, war die erste Reaktion auf die Idee des früheren Marathonläufers Andrea Tuffli, in Davos Klosters ein eigenes Rennen, den swissalpine-Marathon, auf die Beine zu stellen. Nun, 30 Jahre später, warten Teilnehmer aus allen Teilen der Welt aufgeregt auf den Startschuss – ihr Signal, eine der schönsten Strecken in den Schweizer Alpen zu stürmen.

Es ist sechs Uhr morgens, als wir im Sportzentrum von Davos Klosters ankommen. Über 5000 Läuferinnen und Läufer bereiten sich auf ihren Start beim Swissalpine Marathon vor. Rundum herrscht - ungeachtet der frühen Stunde - aufgeregte Vorfreude. Für viele ist es der erste Start hier vor Ort, andere, wie Lokalmatadorin und mehrfache Swissalpine-Gewinnerin Jasmin Nunige, sind diesen Marathon schon öfters gelaufen. Die letzten Wolken weichen der Sonne. Ein strahlender Tag liegt vor uns. Das Best of the Alps-Team folgt den Läuferinnen und Läufern aus über 70 Nationen über aromatisch duftende Bergwiesen, vorbei an historischen Stätten. Einer der Höhepunkte der Strecke ist die prachtvolle Zügenschlucht mit dem 88 Meter hohen Wiesner Viadukt, das 1906 erbaut wurde und heute noch Teil der regulären Bahnstrecke ist. Dass die Rhätische Bahn in dieser Form überhaupt gebaut wurde liegt vermutlich auch am steilen Aufstieg von Davos Klosters vom Graubündner Dörfchen zum legendären Luftkurort. Berühmte Gäste auf 1560 Metern über dem Meeresspiegel waren etwa die Frau von Schriftsteller Thomas Mann, der hier zu seinem Roman Der Zauberberg inspiriert wurde.

Das Rahmenprogramm: Geschichte und Architekturkunde 

Der Swissalpine bietet verschiedene Strecken und Kategorien für Anfänger, Amateure und alle, die an und über ihre Grenzen gehen wollen. Das Aushängeschild, die anspruchsvolle K78-Strecke, führt dieses Jahr mehr als 900 Läuferinnen und Läufer über 76,1km auf 2560 Meter. Auf der Fahrt durchs malerische Monstein, mit nur knappen 10 Minuten Vorsprung auf die schnellsten Teilnehmer, erhaschen wir einen kurzen Blick auf die Architektur dieses historischen Walser-Dörfchens. Die für die Region typischen Holzhäuser sind berühmt für die nagelfreie Bauweise: Mit massiven, ineinander greifenden Holzbalken wurde der Kern der Häuser „gestrickt“. Zurück auf der Hauptstraße bejubeln die Zuseher am Straßenrand gerade Dmitrii Tcyganov aus St. Petersburg und Vajin Armstrong aus Neuseeland, die den Pulk anführen. So beeindruckend wie die Schweizer Alpen ist auch die Unterstützung der zahlreichen Zuschauer aus nah und fern. In Scharen versammeln sie sich in dem schönen Örtchen Bergün, unserem nächsten Stopp, von wo aus sich die Läufer der Routen K78, T78 (die Jubiläumsstrecke zum 30. Marathon) und K42 zur Keschhütte am Fuße des Piz Kesch hinauf- und durch das Sertigtal weiterkämpfen. Den launigen Kommentaren des Streckenmoderators entnehmen wir, dass in den letzten 30 Jahren über 91.000 Teilnehmer aus 106 Ländern insgesamt 3.957.898 Millionen Kilometer zurückgelegt – und mehr als 132.205 Bananen gegessen haben.

Den Himmel berühren – und was einen dabei bei Laune hält

In bester Schweizer Manier punktgenau geplant bringt uns ein Helikopter zur Keschhütte auf 2652 Meter – perfekter Blick auf den Porchabella-Gletscher inklusive – wo eine weitere Schar begeisterter Zuseher für fantastische Stimmung sorgt. Die majestätische Landschaft weitet sich und die Läufer verschwinden als neonfarbene Pünktchen in der Unendlichkeit von Grün und Granit im letzten Abschnitt, der über den Sertigpass und zurück nach Davos führt. Die Teilnehmer Ru Tiyong und Liu Futing, die extra für den Marathon aus China angereist sind, sind noch immer bester Laune und antworten auf die Frage, was sie denn bis zum Schluss durchhalten lasse, grinsend: „Hunger – und der Gedanke an das Essen, das hinter der Ziellinie auf uns wartet.“ Hier oben zu sein ist, bescheiden ausgedrückt, ein erhebendes Gefühl. Die Stille und die Nähe zu Bergen und Himmel sind einfach überwältigend. Was den Läuferinnen und Läufern in dieser Höhe, nach zwei Dritteln der Gesamtstrecke,  durch den Kopf geht, können wir nur erahnen. Wohltuend, so wirkt das unglaubliche Panorama auf uns. Der Geist kommt zur Ruhe, und die Alltagssorgen weichen der Ehrfurcht vor der unglaublichen Schönheit der Natur.

www.swissalpine.ch

Text: Sandra Pfeifer
Fotos: David Payr // friendship.is

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