Die Geschichten

Was Geschieht Mit Bolt?

Der Schweizer Bildhauer und Maler Christian Bolt mag keine Lügen in der Kunst. Aber er mag innere Präzision. Was meint er damit?

„Das Experiment ist ja, dass man es zulässt von einer anderen Person angeschaut zu werden“, sagt der Schweizer Bildhauer und Maler Christian Bolt während er die Büste der Frau mustert, an der er derzeit arbeitet. In unserem Gespräch ist er derjenige, der das Angeschaut-Werden zulässt, in seinem Atelier in Klosters, zwischen Skizzen, Studien von Skulpturen, Wachsgüssen und anderem Werdenden.

In einem der Atelierräume steht ein beinahe quadratischer 200 Kilogramm-Marmorblock auf einem Holztisch, daneben arbeitet Christian Bolt an einer Skulptur, michelangeloesk wie er sagt, eine Art Hommage an den großen Künstler zum 450. Todestag. Die Ecke des Marmorblocks rechts oben ist abgeschlagen, ein Ritual zur Zähmung des Gegenstandes. Jetzt sei er nicht mehr fremd, jetzt könne die Begegnung beginnen. Es wird eine intensive Auseinandersetzung werden, sie wird laut werden, brutal, und dann wieder zärtlich und liebevoll. In dem dicken Block steckt ein Werk, das geboren werden will, oder herausgezogen, wie Bolt es vielleicht formulieren würde, denn jedes Werk sei ein Auszug aus etwas Größerem, eine Abstraktion, wenn auch vollgegenständlich. Es wird den Künstler herausfordern, so lange, bis es fertig ist. Fertig – kann man denn wissen, wann es soweit ist?  „Ich höre dann auf, wenn das Werk intensiver auf mich einarbeitet als ich auf das Werk – denn dann ist der Moment da in dem es mich nicht mehr braucht“, sagt Bolt. Diesen Zeitpunkt festzustellen sei eine Herausforderung und ein Thema, mit dem der Künstler sich ausgiebig auseinandergesetzt hat: Es gab Zeiten, da benannte Bolt seine Werke nach Datum und Uhrzeit der Fertigstellung - oder dem Ende der Intervention, wie er sagen würde.

„Jeder Inhalt hat seine Form und jede Form ihr Material“

Marmorskulpturen galten vor ein paar Jahren noch als absolutes No-Go. Weil Bolt viele seiner Skulpturen aus Marmor fertigt, hat man ihn gerne der Klassik zugeordnet, was in Zeiten des Hypes um Contemporary Art fast als Vergehen gilt. Was man vielleicht nicht sehen will: Bolt wollte nie eingeordnet werden. Er wählt den Marmor weder als Protest gegen das Diktat des Zeitgenössischen noch soll er eine Hommage an die Klassik sein. „Jeder Inhalt hat seine Form, und jede Form hat ihr Material. Die Materialwahl ist bereits Teil der Aussage. Und wenn ich Marmor wähle, dann nicht weil er so schön weiß ist, sondern weil Marmor alt gewordener Ton ist.“ Wenn der Inhalt, die Idee, das Konzept nach alt gewordenem Ton verlangt, dann ist das so. In seinem Buch „Gegensatz“ schreibt Bolt: „Zeitgenössisch zu sein war nie mein oberstes Ziel.“ Er selbst bezeichnet sich als existenzialistischen Künstler, den das Leben, die Existenz, die Entwicklung des Menschen interessiert, daher auch diese intensive Beschäftigung mit dem menschlichen Körper in seinen Werken, die „am Schluss ja alle Selbstportraits sind, also eigentlich modelliere ich ja mich.“ Aber was will er mit seiner Kunst?

Zeitgenössisch zu sein war nie mein oberstes Ziel.

Über innere Präzision und Lügen. 

Bolt spricht ruhig und deutlich, in gut verständlichem Schweizerdeutsch. Er trägt gedeckte Farben, eine dezente Brille, Rollkragenpullover. In seiner warmen Freundlichkeit steckt eine gewisse Autorität, eine liebevolle Strenge, auch mit sich selbst. Was er von sich als Künstler verlangt, sieht er als Voraussetzung für jedes künstlerische Tun und Schaffen. Es ist nicht wenig. Es ist etwas, das er lernen musste: „Nach dem Studium hatte ich mein erstes Atelier in Zürich, und da war nichts, es war leer. Die Beschäftigung mit mir selber, die dann folgte, waren zwei Jahre Knochenarbeit.“ Zwei Jahre, die ihn zu folgender Überzeugung führten: „Man kann nichts machen in der Bildhauerei wenn man es nicht in sich geklärt und geformt hat.“ Diese „innere Präzision“, die man auch bei großen Künstlern wie dem Maler Egon Schiele oder dem Bildhauer Alberto Giacometti finde – Bolt wird in Insider-Kreisen übrigens als „zweiter Giacometti“ gehandelt - , sei das Wichtigste im Prozess der Gestaltung. Und man erreiche sie nur durch absolute Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. „Ich sehe so viele Lügen in der Kunst, so viel Unechtes. So viele Künstler gehen Kompromisse ein, nur, um sich in einem gewissen Genre von zeitgenössischer Kunst bewegen zu können.“ Wenn Bolt Choleriker wäre, hätte er diese Worte vermutlich geschrien und dabei wäre vielleicht etwas zu Bruch gegangen. Aber Bolt ist kein Choleriker und schon gar nicht der Typ, der „einfach crazy Sachen macht um aufzufallen – das hat sich erschöpft. In einer Gesellschaft, die von außen her versucht, einem Individuum mitzuteilen was jetzt gerade die Richtung ist, ist für mich Authentizität, den Versuch zu wagen sich nach innen zu orientieren und dann den Mut zu haben, es auch zu leben.“ Ob der Ort, an dem man lebt, dabei eine Rolle spiele? 

Klosters, knorrig und rau. 

Eine Reiterin mit Pferd kommt vorbei, kein einziges Auto war in der letzten Stunde zu sehen. Man hört den zu Wasser gewordenen Schnee von den Dächern tropfen, es wird Frühling in Klosters, das oft in einem Atemzug mit Davos genannt wird aber dennoch ganz anders ist. Bolts Vater kommt aus Davos. Er selber hat in Italien studiert und kehrte 2003 in die Heimat zurück. Nun lebt er mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Buben in Klosters, inmitten der Berge, die ihm Zuflucht sind, wenn etwas in seiner Arbeit ins Stocken gerät. An Klosters schätze er die Verschwiegenheit, das Geheimnisvolle, die alten Häuser, die  Einheimischen, die ein wenig rau und knorrig seien. Und ganz besonders schätze er die spannenden Leute, mit denen er sich hier austauschen könne. Was sich seiner Meinung nach als fruchtbar erweisen könnte, wäre eine Art Austauschprogramm unter Künstlern: Anstatt des Lernens an den Akademien könnte man für einen gewissen Zeitraum beieinander wohnen und leben und arbeiten.

Panta rhei - Alles fließt.

Bolt ist vielleicht kein zeitgenössischer Künstler und Mensch. Er fertigt Marmorskulpturen, ist bekennender Mormone und lebt in aller Ruhe mit seiner Familie in den Schweizer Alpen – ohne Exzess und Drama. Aber er hat auch ein iPhone, ist der Meinung, dass die Vermarktung der eigenen Kunst „part of the game“ ist und übernimmt Auftragsarbeiten für reiche Geschäftsleute aus der Umgebung. Er verschweigt niemandem, dass Elton John 2010 zwei seiner Skulpturen erworben hat und genießt es, sich von schnelltrocknenden Materialien wie Gips dominieren zu lassen, sich dadurch selber unter Druck zu setzen. Bolt scheint Gegensätze zu vereinen, auch wenn er selber keine an sich festmachen würde. Sein Motto hat er von Heraklit, dem griechischen Naturphilosophen aus dem Altertum, geliehen: „Panta rhei - Alles fließt.“ Kann es noch Gegensätze geben, wenn alles fließt? Vielleicht ist es dieses Spannungsfeld zwischen Konservatismus und Moderne, in dem Bolt agiert, diese Nicht-Zuordenbarkeit, die das Interesse derjenigen aufrecht erhält, die sein Tun verfolgen und sich fragen, wie er selber sagt: „Was geschieht mit Bolt?“

Text: Martha Miklin // friendship.is
Fotos: Ian Ehm // friendship.is

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