Die Geschichten

Auf Ein Bierchen Nach Monstein

Craft Beer-Brauen auf 1.600 Meter Höhe in einem Ort mit 200 Einwohnern und 2 Kirchen: Das ist der Alltag des jungen Braumeisters Basti Degen. 

Die Monsteiner Kleinbrauerei hat mit der Craft-Beer-Szene in Berlin oder London so viel zu tun wie ihr Braumeister Basti Degen mit Haute Couture oder Subkultur: sehr wenig. Dennoch geschieht hier das gleiche: Es wird richtig gutes Bier produziert. 

Der Boden der Monsteiner Brauerei ist bedeckt mit weißem, dickem Schaum, der träge auf die Straße quillt. Der Geruch von Chlor und Bier liegt in der Luft. Der Schaum hat allerdings nichts mit Bier zu tun – er ist das Produkt des Putzmittels, das nach dem Bier-Abfüllen bei der Reinigung hilft. Auch das gehört zum Alltag des Braumeisters hier in Monstein, einem alten Walserdorf auf 1625 Metern in den Schweizer Bergen, in dem keine 200 Menschen in Holzhäusern leben, es aber zwei Kirchen gibt. „Last beer stop before heaven.“ lautet der Claim, „Erlebnisse auf höchstem Niveau“ verspricht die Website der Mikro-Brauerei, in der sich Basti Degen seit 2007 Biersorten ausdenkt, die er dann – neben einer wachsenden Anhängerschaft aus Touristen und Einheimischen – auch gerne selber trinkt. Das alpine Hochquellwasser sei unter anderem für den besonderen Geschmack verantwortlich. 

Im Keller

„Bier ist gut, sagt der Arzt.“ steht auf einem Schild vor dem Treppenabgang in den Braukeller, wo ein großer, runder Stehtisch beinahe von den Bierkrügen ablenkt, die in Reih und Glied an der Wand hängen. Bei jedem steht ein Name dabei, jedes hat eine Nummer. „Sonnenuntergang in Monstein“ nennt sich die Veranstaltung, die jeden Freitagabend stattfindet – offen für alle Interessierten. Die Stammgäste haben ihr persönliches Krügerl an der Wand. Eines bliebe von nun an jeden Freitag hängen – der Besitzer sei vor kurzem verstorben, so Basti Degen. 
Der Braumeister kommt ursprünglich aus Franken in Deutschland und ist einer, der „mit Spaß an der Freud’, Freud’ am Spaß“ im Monsteiner Mikrokosmos lebt und arbeitet. Basti Degen ist groß, stämmig, hat bullige Hände und rotblonde Locken, die ausgezeichnet zum restlichen Erscheinungsbild passen. Was verschlägt einen jungen Deutschen, der in jeder Großstadt arbeiten könnte, in ein Bergdorf in den Schweizer Alpen?

Der Hype um die Kleinen 

Die Monsteiner Mikro-Brauerei gibt es seit dem Jahr 2001, lange bevor das Wort Craft Beer – von der US-amerikanischen Brauervereinigung definiert als Bier „von einem Brauer, der in kleinen Mengen und unabhängig von Konzernen auf traditionelle Weise braut“ – in unseren Kreisen in aller Munde war. „Damals hat es nur noch diesen einheitlichen Geschmack gegeben“, so Basti Degen. Aus diesem Grund – und auch um den Tourismus anzutreiben – haben ein Hotelier, ein Designer, ein Anwalt und ein Bauunternehmer beschlossen, in den Bergen Bier zu brauen. Eine gute Idee, wie sich herausstellen sollte, denn die Nachfrage lässt nicht nach, das Geschäft läuft. Vielleicht auch, weil Kleinbrauereien, die sich nicht als Teil einer gehypten Szene sehen, gerade deshalb Hochkonjunktur haben. 

Das erste Bier war das Sommerbier, das damals „bombig eingeschlagen“ hat, es folgte das Winterbier, Frühlingsbier, Festspielbier und Jägerbier. Heute gibt es neben dem Hausbier, Huusbier genannt, auch das Wätterguoge-Bier (eine Hommage an den  Alpensalamander), das Bio Mungga Bier (dem Murmeltier gewidmet), das mit der Gourmet Knospe 2014 ausgezeichnete Bio SteinBock-Bier und viele mehr. Die Brauerei ist in der ehemaligen Dorfsennerei untergebracht. Schräg gegenüber befindet sich das Hotel Ducan, in dessen Gaststube sich Basti Degen nach Feierabend gern „ein Bierchen“ gönnt. Die Straße ein wenig weiter bergab lernen die Dorfkinder lesen und schreiben, ein kleiner Lebensmittelladen stellt die Nahversorgung sicher. Rundherum Berge, Wiesen, Wälder. Die zwei Kirchen gibt es nicht aus Platzgründen, sondern weil die Glocke, die für die erste bestimmt war, zu schwer war. Deshalb ließ man gleich ein zweites Gotteshaus errichten, das die Last tragen konnte. Alles ist da, alles ist nah, am Abend hat man nicht weit nach Hause, die Natur ist atemberaubend – warum eigentlich nicht? 

Immer locker bleiben 

Basti Degen ist kein Quer-Aussteiger, der genau so viel Wert auf die Vermarktung wie auf das Bier selber legt. Er ist vielmehr das Gegenteil des Craft-Beer-Brewers, der Starkbier in aufwendig gestalteten Bottles verkauft und sich als Teil einer Szene sieht. Auch die Wahl des Ortes ist mehr Zufall als Plan. Basti Degen ist einer, der „an Schmäh hat“. Gäbe es einen Bierbauch-Kalender, er wäre auf der Titelseite – sagt er von sich selbst. Wenn man ihn nach seinem Lebensmotto fragt, sagt er Sachen wie „Immer locker durch die Hose atmen“. Er geht abends gerne aus, passt sich an, so sehr, dass er mittlerweile den Schweizer Dialekt angenommen hat. Er ist einer, der sich keinen Stress macht, der es genießt, sein eigener Chef zu sein und herumexperimentieren zu können: „Hier oben kann man einfach machen. Wird es was, ist es gut, wird es nichts, mein Gott, Pech gehabt, aber aus Erfahrungen lernt man.“ Aber vor allen Dingen ist er einer, der Bier liebt, egal wo. Und gutes, ehrliches Bier herstellt, das nichts anderes sein will als das, was es ist. 

Text: Martha Miklin // friendship.is
Fotos: Ian Ehm // friendship.is

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