Die Geschichten

Erster!

Über 20 Jahre ist es her, als Bergführer und Skiguide Edmond Joyeusaz mit seinen Skiern auf den Schultern den Shishapangma im Himalaya hinaufkletterte, bis er, ganz ohne Sauerstoff, den Mittelgipfel auf 8.008 Metern erreichte und von dort auf seinen zwei Brettern hinunterwedelte. Das hatte vor ihm kein anderer geschafft. Der Berg hatte gegeben. Im selben Jahr versuchten es zwei Amerikaner vom Hauptgipfel auf 8.027 Metern, aber sie kamen nie unten an. Eine Lawine begrub sie unter sich. Der Berg hatte genommen.

Auf der Welt gibt es nur 13 Berge, die höher sind als jener an der tibetisch-chinesischen Grenze. Superlative haben Edmond Joyeusaz schon immer interessiert. Und er war immer schon einer, der Dinge als Erster tat. So war er der Erste, der die Hänge des berühmten K2 im Himalaya, des zweithöchsten Bergs der Welt, mit den Skiern abfuhr. Der „Schicksalsberg“ gilt als schwierigster Achttausender, noch anspruchsvoller als der Mount Everest, den der Bergführer natürlich auch erklommen hat. In den 1980er-Jahren flog er mit seinem Gleitschirm den ersten Tandemflug vom höchsten Gipfel der Grandes Jorasses, des mehrgipfligen Berges im Mont-Blanc-Massiv, auf 4.208 Metern – und in derselben Dekade lehrte er ein paar Abenteuerlustigen im Aostatal das Snowboarden. In Europa tat das zu jenem Zeitpunkt noch keiner. Ach ja: Segelflugpilot ist er auch.

Risiko: kalkuliert.

Um den Kick scheint es ihm allerdings nicht zu gehen; zumindest nicht primär. Eher um das Betreten von Neuland. „Neue Wege zu gehen ist für mich das Schönste,“ sagt er. Projekte, die andere als extrem gefährlich, geradezu verrückt einstufen, sind für ihn kalkulierte Risiken. Es gehe, das sei das Wichtigste, um gewissenhafte Vorbereitung und akribische Planung.

Ursprünglich wollte Edmond Joyeusaz sich ja ganz dem Skisport widmen. Mit 25 schaffte er es ins italienische Nationalteam: „Ich war im selben Team wie Alberto Tomba. Er war der Jüngste und ich der Älteste,“ erinnert er sich. Edmond gehörte zu den besten Skifahrern des Landes, aber ein Knöchelbruch beendete seine Rennkarriere frühzeitig. Edmond sattelte um und fing an, als Bergführer und Skilehrer zu arbeiten. So konnte er auf andere Art und Weise Erster sein. 

Den Mont Blanc, seinen Hausberg, kennt er von all seinen Seiten. Er kennt seine Tücken, seine Unberechenbarkeiten, seine Großzügigkeiten. Er kann den Himmel und den Schnee lesen wie Bücher und darauf basierend Prognosen erstellen, die mit den Jahrzehnten immer treffsicherer wurden. Nie würde er mit unerfahrenen Bergsteigern auf eine Expedition gehen oder sich unsicherem Wetter aussetzen. Als Bergführer mit zigtausenden Kilometern und Höhenmetern in den Beinen kann er auf den ersten Blick sagen, ob jemand fit ist oder nicht. Oft würden sich Menschen überschätzen: „Die erste Regel eines Bergführers lautet: Geh nicht los, wenn der Kunde nicht trainiert genug ist.“ Alles hat seine Ordnung bei Edmond Joyeusaz. Er hat seine Prinzipien.

Die Bergtour als existentielles Erlebnis

Aber wenn es nicht ums Adrenalin geht, worum geht es dann? Geht es um die Begegnung mit der Natur? Wohl eher. Nirgendwo spürt man die Kraft der Natur mehr als in den Bergen. Je höher hinauf man geht, desto reiner ist die Luft, desto weiter weg sind Häuser, Autos und andere Menschen, desto elementarer und intensiver fühlt es sich an, auf der Welt zu sein. Deshalb achten Edmond Joyeusaz und sein Team bei allen Expeditionen darauf, keinen Müll in den Basislagern zu hinterlassen. Weil Expeditionsteilnehmer kaputte Zelte, leere Sauerstoffflaschen, Verpackungen oder Gaskocher einfach liegenlassen, hat etwa der Mount Everest mittlerweile ein echtes Müllproblem. Umweltschützer haben allein zwischen 2008 und 2011 mehr als 13 Tonnen Müll wieder vom Berg geholt.

Edmond Joyeusaz wurde in Courmayeur geboren und lebt auch heute noch hier. Die Natur war ihm schon immer nah. Auch das Wechselspiel aus Anspannung und Entspannung lernte er schon als kleiner Junge: „Bevor du mit den Skiern abfahren kannst, musst du schwitzen und leiden. Das gehört dazu.“ Je näher man dem Gipfel kommt, desto näher liegen Freude und Leid, Leben und Tod beieinander. Am Mount Everest erinnert die „Leichenstraße“ in der Todeszone kurz vor dem Gipfel daran, dass ein paar Höhenmeter, ein paar Schritte über Leben und Tod entscheiden können. „Hinaufzusteigen und oben umzukommen, ist keine große Kunst,“ sagte der berühmte Extrembergsteiger Reinhold Messner. „Der wichtigste Gedanke auf dem Gipfel gilt dem Weg nach unten.“ Das ist Edmond Joyeusaz wohl bewusst: „Ich bin zwar schon alt, aber ich möchte noch viel älter werden.“ Der beste Moment einer Expedition sei für ihn deshalb nicht der Gipfelmoment, sondern jener, in dem man gesund zurück nach Hause kommt.

Text: Martha Miklin
Fotos: Sophie Kirchner
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6. Mai 2020