Die Geschichten

Die Geschichten In Den Alten Dingen

In der Garage war dieser große, alte Koffer. Innenarchitektin Caterina Caramello war damals ein kleines, neugieriges Mädchen, das Öffnen des geheimnisvollen Koffers fühlte sich an wie das Betreten einer anderen Welt: Er war voll mit Seide, Samt und anderen Stoffen in allen Mustern und Farben.

Sie kamen aus dem alten Paris, wo Caterinas Urgroßmutter, die Besitzerin des Koffers, gelebt hatte. „Ich bin geschwommen in all den Stoffen und habe mir vorgestellt, was meine Urgroßmutter damit gemacht hat,“ erzählt Caterina. Und man sieht: Dieses Schwelgen in den weichen Stoffen der Vergangenheit scheint sich in ihrem Inneren positiv verankert zu haben.

„Alles, was wir brauchen, ist schon da“ 

Ihr Laden, das „Catelier“, liegt zentrumsnah in Courmayeur. Er ist gemütlich und liebevoll eingerichtet. Und fühlt sich an, wie ihr Nachname sich anhört: weich, cremig, süß-salzig. Neben ihren eigenen Kreationen – handgemachte Accessoires, Dekorationselemente, Lampen, Geschirr – verkauft Caterina hier auch Kleidung im Bohemian-Style und anderes Handgemachtes von Designerinnen und Designern, die sie persönlich kennt. Es gibt viele Teile, die man der Kategorie Vintage oder Shabby Chic zuordnen könnte, und tatsächlich wurde hier so einiges „upgecycelt“, denn das ist Caterinas Lieblingsbeschäftigung. Schon lange, bevor das Wort „Upcycling“ in aller Munde war. „Alles, was wir brauchen, ist schon da. Wir brauchen nichts Neues,“ so Caterina, die in ihrem Haus, das auch ihr Atelier ist, Workshops anbietet, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, zu Bruch Gegangenes zu reparieren und scheinbar Unnützes in Dinge des täglichen Gebrauchs zu transformieren. In ihrem Laden findet man alte Skischuhe, die nun Lampen sind. Gebrauchte Fahrradsattel, die wie Hirschgeweihe auf Brettern an der Wand hängen. Alte Schubladen, die sie in kleine Puppenhäuser verwandelt hat. Ihrer Tochter bringe sie bei, die Möglichkeiten zu sehen, die in Dingen stecken, und sie nicht nur nach ihrer Form oder primären Funktion zu bewerten. „Es geht darum, zu sehen, was Dinge werden können,“ sagt sie. „Jedes Ding hat eine Energie. Alte Dinge sind voll davon, denn sie erzählen vom Leben der Menschen, denen sie gehört haben.“ 


Ursprünglich hat Caterina Psychologie studiert. „Aber ich war mehr auf Flohmärkten als auf der Uni,“ sagt sie, weshalb sie das Studium abbrach und sich am Institut für Europäisches Design in Turin inskribierte. Das Diplom hängt nun an der Wand bei der Kassa. Ihr Interesse an Psychologie kann sie trotzdem ausleben, denn das Gestalten von Innenräumen hat durchaus auch psychologische Aspekte: „Die Art und Weise, wie jemand sein Zuhause einrichtet, sagt viel über die Persönlichkeit aus. Man spürt viel vom Menschen in den Dingen, die er besitzt.“ Wenn sie die Häuser oder Wohnungen ihrer Kundinnen und Kunden einrichtet, wirft sie auch gleichzeitig einen Blick in ihre Seele. Das, was einen Menschen ausmacht, sollte sich in der Einrichtung widerspiegeln. Auch die Farben, die er selber trägt – wie blaue Augen oder brünettes Haar – dürfen sich wiederfinden. Aber nicht nur das. 

Leitmotiv: Natur.

Caterina selber bezeichnet ihren Stil als Mix & Match oder Patchwork aus Dingen von überall. Sie reist gerne und nimmt immer etwas mit – sowohl Altes von Flohmärkten als auch neue Ideen. „Meine größte Inspirationsquelle ist die Natur. Wir sind umgeben von großartigen Bergen, und diese alpine Draußen will ich ins Innere holen.“ Auch andere Naturräume inspirieren ihr Design. Meistens geht sie von der Lieblingsfarbe ihrer Kundinnen und Kunden aus, und dann überlegt sie, wo diese Farbe draußen vorkommt. „Du kannst auch nicht falsch liegen, wenn du die Dinge, die jemand mag, farblich in dein Konzept miteinbeziehst.“ Wer Silberschmuck, Kaffee und Orangen liebt, wird sich wohlfühlen in einer Wohnung, die in Silber, Braun, Orange und Abstufungen davon gestaltet ist. 


Einmal, beim Familienurlaub in Polynesien, ging Caterina tauchen und war fasziniert von der Farbwelt unter Wasser. Taucht man mehr als fünf Meter tief, verschwindet Rot als Farbe. Ab 15 Metern Tiefe verschluckt das Wasser Orange, ab 30 Metern Gelb und ab 50 Metern Grün. 200 Meter unter dem Meer scheinen alle Farben verloren gegangen zu sein: Es ist still und dunkel. „Was normalerweise Rot ist, wird zu einer Art Rosa-Orange. Mit diesen Paletten arbeite ich gerne.“ Die Farben, die Caterina also hauptsächlich einsetzt, schreien nicht, sie sind eher pastellig, subtil. Ihr Stil strahlt Wärme und Gemütlichkeit aus, erinnert an den skandinavischen „Hygge“-Stil oder das schottische „Coorie“, das frei übersetzt so viel wie Kuscheln bedeutet. Er ist inspiriert von Ländern, in denen es im Winter richtig kalt wird und man es sich zuhause mit Elementen aus der Natur gemütlich machen will. Und ja, auch im Aostatal wird es klirrend kalt. Etwas Caramello kommt da gerade richtig. 

www.catelier.it 

Text: Martha Miklin
Fotos: Sophie Kirchner
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6. Mai 2020