Die Geschichten

Spaß, Spaß, Spaß

Simon Croux zählt mit 23 Jahren zu den besten Freeridern Italiens. Trotzdem steht er nur einen Tag pro Woche auf Skiern. Die restlichen sechs? Hinter der Bar oder in der Küche.

Ein Skifahrer im gelben Anorak schießt durch die Luft, dreht sich einmal vollständig um die eigene Achse, landet butterweich im Tiefschnee und fährt den Abhang weiter ins Tal hinab. Wenige Minuten später schwingt er elegant vor einer kleinen Skihütte ab.  Über der Tür steht, in großen gelben Lettern, „BAR“, daneben, etwas kleiner,„Che Croux“. Der Skifahrer nimmt Skibrille und Helm ab und schüttelt die langen Dreadlocks. Sein Name ist Simon Croux, er ist 23 Jahre alt und einer der besten Freerider Italiens. Die Skihütte gehört seiner Familie. Und wenn er nicht auf den Skiern steht, arbeitet er dort.

Erste Wahl

„Ich bin semiprofessioneller Freerider und fahre dieses Jahr wieder in den Freeride World Tour Qualifiers“, erklärt Simon. Über diesen Bewerb können sich die Fahrer für die World Tour qualifizieren, auf der sich die Besten der Besten miteinander messen. In den letzten beiden Jahren war es Simon aufgrund einer Knieverletzung und zweier daraus resultierender Operationen nicht möglich an Wettbewerben teilzunehmen. „Mir geht es auch gar nicht darum, mich für die World Tour zu qualifizieren. Ich will nur ab und zu kompetitiv fahren und dabei Spaß haben“, erzählt er weiter. Um diesen Ansatz zu verstehen, muss man sich Simons Geschichte mit den Skiern genauer ansehen. Bereits mit drei Jahren hatte Simon im Garten seiner Eltern eine Menge Spaß auf einem Paar Plastikski. Bald darauf begann er mit dem alpinen Skisport, der ihm jedoch den ganzen Spaß verdirbt. „Es war einfach nur langweilig. Jeden Tag das gleiche Programm, die ganze Saison lang.“ Simon wechselt zum Freestyle. Er springt über Kicker und schießt durch Halfpipes. Ganze Tage verbringt er in Skiparks. Und plötzlich kommt der Spaß am Skifahren zurück. Mit 17 entdeckt er schließlich das Freeriden für sich. Es wird zu seiner großen Leidenschaft, Simon lässt die Schule Schule sein und beginnt in der Bar seiner Familie auszuhelfen. „Arbeiten und skifahren war alles was ich wollte.“

Family Business

Sein Großvater, sein Vater, seine Mutter, seine Tante und sein Cousin arbeiten im „Che Croux“. Seit mittlerweile 26 Jahren betreibt die Familie die Hütte direkt an der Piste. Bald stand Simon vor einer Entscheidung: Sport oder Arbeit? Eines der beiden musste Priorität haben. Simon entschied sich für die Arbeit. Auch weil beim Skifahren für ihn noch immer der Spaß an erster Stelle stehen soll. „Wenn du keinen Spaß dabei hast, wirst du auch nicht gut darin sein“, sagt er. Darum arbeitet er nun sechs Tage die Woche im „Che Croux“ - hinter der Bar, im Service oder in der Küche. Am liebsten bleibt er im Hintergrund. Spült Geschirr oder bereitet das Essen zu. Das ist zwar körperlich genauso stressig wie den ganzen Tag abzuservieren, aber dabei hat er seine Ruhe. „Wir Italiener sind ganz schön laut, das kann auf Dauer anstrengend werden“, lacht Simon. Auch wenn er noch so gerne in der Bar arbeitet, freut sich Simon trotzdem die ganze restliche Woche auf den einen Skitag. „Freeriden bedeutet für mich einfach Freiheit.“ Doch diese Freiheit ist manchmal auch gefährlich. Das musste Simon nicht nur durch die Verletzung am eigenen Körper erfahren. Anfang dieses Jahres verlor er durch den Sport zwei Freunde. „Dieser Risiken muss man sich bewusst sein, auch weil immer mehr Menschen abseits der Pisten unterwegs sind“, so Simon.

Im Herzen des Freeride-Sports

Courmayeur bietet viel Platz für Freerider. Gemeinsam mit Chamonix und Verbier bildet die Destination das geografische Herzstück des Sports. Aber nicht nur hier ist die Bekanntheit gewachsen. „Es gibt allgemein viel mehr Verständnis für den Sport.“ Auch wenn er nicht für alle Menschen so leicht zu verstehen ist. „Das kann ich gut nachvollziehen. Fünf Juroren, fünf Bewertungskriterien und alles geht so schnell. Das ist schon recht viel“, sagt Simon. Für Laien wirkt der Sport oft gefährlich und unvorhersehbar. In Bewerben ist man aber um das genaue Gegenteil bemüht. Vor jedem Lauf wird die zu fahrende Line genauestens geplant, das Risiko bis auf ein Minimum reduziert. „Egal ob in den Qualifiers oder auf der World Tour, von uns Sportlern macht im Wettbewerb niemand Experimente“, erklärt Simon. Und weil Simon selbst noch einmal das Thema World Tour aufbringt, kommt man um die Frage nicht herum, was er denn machen würde, wenn er sich entgegen aller Erwartungen doch dafür qualifizierte. Da lacht er laut auf: „Klar würde ich gehen und versuchen so viel Spaß wie möglich zu haben.“ Und setzt dann lachend nach: „Allerdings müsste ich erst meinen Opa fragen, ob er mir dafür frei gibt.“

Text: Harald Triebnig
Fotos: Sophie Kirchner
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20. Mai 2020