Die Geschichten

Ein Berg Voller Arbeit

Das kleine Buvette de Pépinet liegt direkt an der Skipiste und bietet einen wunderbaren Blick auf die Walliser Berge. Seit 2003 betreiben Michel und Paulette Vocat die kleine Berghütte - Sommer wie Winter.

Von der Seilbahn aus sieht man bereits das Steinhäuschen mit den vielen kleinen Tischchen auf der Sonnenterrasse. Direkt daneben lässt sich das Dach eines Stalls erkennen. Schwingt man dann eine gute halbe Stunde später vor dem Buvette de Pépinet ab und steckt die Skier in den Schnee, wird man von einem freundlichen Paar empfangen: Michel und Paulette Vocat.

„Willkommen im Pépinet! Wollt ihr draußen oder drinnen sitzen?“, fragt Michel. Draußen bedeutet, Platz nehmen auf der charmanten Terrasse, wo Decken bereit liegen um uns die Beine zu wärmen, und von wo aus man einen atemberaubenden Blick auf die Walliser Berge hat. Bei ganz klarer Sicht und mit etwas Phantasie sogar bis zum Matterhorn. Drinnen meint, dass man sich seinen Weg durch eine winzige Küche bahnt, in der es wunderbar nach Käse duftet, bevor man in einem kleinen und gut gefüllten Raum Platz nimmt. An den Wänden hängen Fotos von Stammgästen und spektakulären Lawinenabgängen. Auf einem Sims zieht eine Modellseilbahn ihre Runden.

Sommer und Winter

„Im Sommer machen wir hier drinnen unseren Käse und im Winter bewirten wir unsere Gäste“, erklärt Michel. Dass das Pépinet ganzjährig bewirtschaftet wird, ist erst seit 2003 so. Davor war Michel im Winter beim Pistendienst tätig. „Lawinensprengungen, Rettungsdienst und Pistenpräparation gehörten zu meinen Aufgaben“, erzählt er. Der Berg gab ihm also schon immer Arbeit. Paulette war zu dieser Zeit noch bei der Post angestellt. Michels Familie bewirtschaftet die Alpe, auf der das Pépinet steht, bereits seit vielen Jahrzehnten. Sie gehört einer Gemeinschaft, die ähnlich wie eine Aktiengesellschaft funktioniert. 560 Aktien können erworben werden – von jedermann. Mitbestimmungsrecht in der Gemeinschaft haben allerdings nur Familien, die schon sehr lange Mitglied sind. „Mein Großvater und mein Vater waren schon Teil der Gemeinschaft und haben die Alpe bewirtschaftet, weil meine Familie schon immer Vieh hier oben hatte.“ Um rund 110 Rinder kümmert sich Michel im Sommer. Gut 60 davon gehören der Rasse der Eringer an. Sie sind typisch für die Region, verfügen über einen ausgeprägten Kampfinstinkt, geben aber verhältnismäßig wenig Milch. Darum gehören die restlichen 50 Tiere Milchviehrassen an. So werden auf der Alpe in einem Sommer 5.000 Kilogramm Käse und 50.000 Liter Milch produziert. Daraus entstehen dann auch die Köstlichkeiten, die Michel und Paulette ihren Gästen servieren: Tartiflette, Croûte au fromage oder Tarte aux Légumes. Was sie damit über den Winter erwirtschaften, bleibt ihnen selbst und wird nicht Teil der Alpgemeinschaft.

Das Eine nicht ohne das Andere

„Im Sommer bin ich der Chef, im Winter ist es meine Frau“, sagt Michel. Er ist überzeugt, dass sie sich dabei hervorragend ergänzen – und auch davon, dass er nicht ohne Paulette könnte und Paulette nicht ohne ihn. Das merkt man auch als Gast, wenn die beiden gemeinsam von Tisch zu Tisch gehen und Stammgäste begrüßen, sich hinsetzen und mit ihnen plaudern und ab und zu ein Glas Wein oder einen kleinen Schnaps trinken. Unter Michels Arm klemmt dabei meist das große Reservierungsbuch, in das er Notizen macht, wenn Paulette es ihm sagt. Neben den vielen Einheimischen und Freunden, die regelmäßig im Pépinet vorbeischauen („Sie trinken meist nur etwas.)“, sind es Touristen aus aller Welt, die wegen der Käsespezialitäten kommen, für die die Destination bekannt ist.

Im Sommer will Paulette manchmal auch weg von der Alpe. „Ich muss dann einfach andere Leute sehen“, erzählt sie. Mit ihren Kindern und Enkelkindern fährt sie dann auf Städteurlaub oder ans Meer. Michel bleibt meist daheim. „Obwohl ich auch schwimmen kann“, scherzt er. Auch er ist viel gereist, doch immer wieder zieht es ihn zurück in die Berge rundum Crans-Montana. Die Welt hier ist eine besondere. Der Weitblick, die Offenheit, die vielen Sonnenstunden. Die facettenreiche Topografie mit sanften Weinhügeln und schroffen Felsgipfeln. „Unsere geografische Lage macht die Region im Sommer und im Winter sehr lebenswert – einfach immer“, sagt Michel zufrieden, blickt Richtung Walliser Berge und versucht noch einmal zu erklären, welcher Gipfel nun das Matterhorn ist.

Text: Harald Triebnig
Photos: Sophie Kirchner
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6. Mai 2020

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