Die Geschichten

Ein Kleines Geschäft Voll Großer Träume

Wie man es als Krokodil bis nach St. Moritz schaffen kann.

Tabea Lörtscher mag es nicht besonders fotografiert zu werden, vor der Kamera fühlt sie sich einfach nicht so wirklich wohl. Viel lieber ist sie in ihrer kleinen, aber feinen Manufaktur für Handtaschen, Gürtel und Accessoires in der Via Serlas in St. Moritz. Hier können sie und ihre zwei Kolleginnen ihre selbst gewählte Freiheit ungebremst ausleben. Der Entschluss, nach St. Moritz zu kommen und den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen, hat seinen Ursprung vor vielen, vielen Jahren.

Bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr arbeitete die gelernte kaufmännisch Angestellte als Chefsekretärin in ihrer Heimatstadt Bern. Dann jedoch trat unvermutet ein Esel in ihr Leben, und die Unmöglichkeit, für diesen ein passendes Geschirr zu finden, sollte Tabeas Leben von Grund auf verändern. Nach langer Suche nämlich konnte sie schließlich einen Sattler ausfindig machen, der noch im hohen Alter in seiner selbst eingerichteten Garage Handtaschen flickte, Henkel wieder annähte oder eben Reitgeschirre herstellte. „Da habe ich mir gedacht, der Mann hat es gut. Der wird immer noch gebraucht, während ich als Chefsekretärin immer nur älter und meine Chefs immer jünger werden.“ Tabea fasst den Entschluss, im wahrsten Sinne des Wortes umzusatteln und beginnt eine Ausbildung als Sattlerin in der Nähe von Zürich. Aufgrund des hohen Stellenwerts des Reitsports im Oberengadin sieht sie in St. Moritz den geeigneten Ort, um ihre eigene kleine Manufaktur zu eröffnen. „Ich habe geglaubt, die warten sicher alle auf eine Sattlerin wie mich. War dann leider nicht so“, gibt sie zu erkennen und lacht. Es sollte eine Weile dauern bis die örtliche Kundschaft Vertrauen in Tabeas Handwerk entwickelte. Jedoch war das Auftragsvolumen für Reitgeschirre zu klein, um davon leben zu können, und so nahm die Geschichte ihren Lauf. Auf Anfragen hin beginnt sich Tabea mit der Herstellung von Handtaschen und Accessoires vertraut zu machen und lernt viel über den Umgang mit exotischem Leder und Fell. Bei den Gebrüdern Slupinski in Düsseldorf vertieft sie ihr Wissen auf dem Gebiet des Designs, während ihr Geschäft in St. Moritz weiter wächst.  Ein langsames, aber gesundes Wachstum, wie Tabea meint. „Es war sicher kein Fall von ‚Kam, sah und siegte.’, aber dafür bin ich heute immer noch hier.“

Auf der Via Serlas reiht sich eine Luxusboutique an die nächste. Neben dem Modedesigner Tom Ford oder dem Schmuckhersteller Bulgari finden sich die prunkvollen Filialen der Handtaschenhersteller Bottega Veneta und Louis Vuitton. Dazwischen hängt ein vergleichsweise schlicht gehaltenes Schild, das irgendwie aus der Reihe tanzt. So unscheinbar Tabeas Geschäftslokal und Werkstatt von außen wirkt, so sehr verleiht genau diese Unauffälligkeit ihrer Manufaktur eine vertrauenserweckende Ehrlichkeit und Bodenständigkeit. „Eine Tabea-Tasche erkennt man immer von ganz weit weg“, gibt sie uns mit einem Lächeln zu verstehen. Den hohen Wiedererkennungswert verdanken Tabeas Kreationen nicht nur ihrer eigenen Art zu nähen, sondern auch der Verwendung exotischer Rohstoffe und Materialien. So finden sich in ihrem Sortiment Businesstaschen aus Kalbsleder, Umhängetaschen aus der Haut der Diamantpython oder des Nilkrokodils, sowie eine Muff-Bügeltasche aus kanadischem Rotfuchsfell. Angefangen hat alles mit einer Kundin, die eines Tages vor ihrer Tür stand und sie darum bat eine Handtasche aus der eigens mitgebrachten Krokodilhaut zu fertigen. Aufgrund der erhöhten Nachfrage begann Tabea nach einem Importeur exotischer Tierhäute zu suchen und nach und nach standen immer mehr neue Kunden vor ihrer Tür die auch ihre eigene Kroko-Tasche wollten. „Ich hätte mich ja nie getraut so teure Materialien zu verwenden, denn jeder Fehler bei der Verarbeitung von Leder oder Haut ist nicht mehr zu korrigieren.“ erklärt sie.

Der Name Tabea Lörtscher ist sowohl den Einheimischen als auch den Stargästen von St. Moritz ein Begriff. Seit über 25 Jahren fertigt sie gemeinsam mit ihren beiden Kolleginnen Unikathandtaschen in ihrer winzigen Manufaktur. Der Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit hat die drei Frauen zusammen gebracht und über die Jahre zusammen geschweißt. Reich sind sie nach eigenen Aussagen nicht geworden, aber das war auch nicht die Idee dahinter. Etwas Schönes mit ihren eigenen Händen zu schaffen und jeden Tag einfach gerne in die Arbeit zu kommen, darum ging es Tabea und ihren beiden Mitarbeiterinnen. „Oft hat man mich gefragt ob ich nicht nach New York oder London gehen möchte“, erzählt sie, aber die drei Damen arbeiten lieber im kleinen Rahmen und liefern dabei Qualität auf höchstem Niveau. Die Freiheit auf individuelle Wünsche eingehen zu können möchte Tabea gegen nichts auf der Welt eintauschen. Für eine große Fabrik Aufträge an Land zu ziehen würde bedeuten, dass sie sich von ihrem Handwerk entfernen müsste. Sie würde sich ihres eigenen Fundaments berauben, der ursprünglichen Motivation überhaupt hierher nach St. Moritz zu kommen. „Das wollte ich nicht und daher habe ich mich immer abgewandt und gesagt, nein, wir bleiben wir. Wir drei Frauen.“ Und darauf ist sie sichtlich stolz.

Stolz ist sie auch auf jedes einzelne ihrer Produkte. Egal ob ihre Handtaschen aus Krokodilleder, Elefantenhaut oder aus dem Pelz des regionalen Rotfuchses gefertigt sind, jedes Stück ist ein Unikat und erzählt seine eigene Geschichte. Moralische Bedenken hat Tabea bei ihrer Arbeit keine, schließlich unterliegt die Produktion ihrer Rohstoffe klaren Regeln und Gesetzen. Die Schweiz zählt zu den ersten Unterzeichnern des Washingtoner Artenschutzabkommens, welches die Nachhaltigkeit im internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen regelt. Seitdem ist der Handel mit exotischen Tierprodukten streng reglementiert und bringt „einen Haufen Papierarbeit mit sich, aber das ist es jedes Mal wert.“ Aus dem Schrank hinter sich zieht Tabea die Haut eines großen Nilkrokodils hervor. Sie erklärt den Vorgang des Einfärbens und welche Stücke für welche Art von Handtasche interessant sind. Es fühlt sich seltsam an, die Haut eines riesigen toten Tieres vor den Füßen liegen zu haben. Für Tabea ist so etwas ganz alltäglich. Der Verschnitt ihrer Rohstoffe ist kostenbedingt minimal, sollte aber doch etwas übrig bleiben wird es an den Kindergarten in St. Moritz bzw. an die geschützte Werkstatt für beeinträchtige Menschen in Zermatt weitergeleitet.

In Tabeas Manufaktur werden Handtaschenträume in Handarbeit wahr gemacht. Jede Tasche trägt ihre Handschrift, denn sie verbindet regionale Handwerkskunst mit elegantem Design sowie exotischen Materialien. Hergestellt mit Werkzeugen, die bereits über 100 Jahre alt sind und, wenn es nach Tabea geht, auch noch im nächsten Jahrhundert ihre Verwendung finden. Denn so wie einst der alte Mann in seiner Garage, so möchte auch Tabea noch bis ins ganz hohe Alter gebraucht werden, um ihr Wissen an die nächste Generation weiter geben zu können.

Text: Robert Maruna // friendship.is
Fotos: Heiko Mandl // friendship.is

11. August 2017

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