Die Geschichten

Der Herr Der Schirme

Der tiefblaue Silvaplanersee im Oberengadin ist so etwas wie das alpine Mekka der Kitesurfszene. Stefan Popprath gründete dort seine Kitesailing-Schule, als der Sport noch nicht einmal einen richtigen Namen hatte.

Mit kritischen Blicken sehen Youri Zoon und Stefan Popprath auf das glatte Wasser. Es ist zwölf Uhr, eigentlich müsste der Wind längst da sein. Aber bisher tut sich nichts, rein gar nichts. Der Silvaplanersee ist – eigentlich – berühmt für den sogenannten Malojawind, nach dem man – normalerweise – die Uhr stellen kann. Immer gegen elf, wenn sich die steilen Berghänge rund um den See in der Sonne erwärmen, beginnt er mit vier bis fünf Windstärken zu blasen. Ideal für Kite- und Windsurfer. Heute aber hängen die Wolken grau und schwer über den fast 3500 Meter hohen Gipfeln von Piz Corvatch und Piz Julier, die den See im Norden und im Süden flankieren. Und der ansonsten verlässliche Wind lässt vorerst auf sich warten.

Vielleicht ist es eine Art Vorführeffekt, denn mit Youri Zoon ist eine der absoluten Größen der internationalen Kitesurfszene zu Besuch gekommen. Der Niederländer gewann 2011 und 2012 den Weltmeistertitel, aktuell liegt er auf dem dritten Platz der World Kite Tour 2016. Mit seinen langen Haaren, der lässigen Sonnenbrille und der sonnengebräunten Haut sieht er aus wie – na, wie Surfer eben aussehen. Heute aber trägt er vorerst noch eine Daunenjacke. Kein Wunder: Die Liste seiner üblichen „Arbeitsplätze“ liest sich wie ein Reisekatalog: Australien, Barbados, Griechenland, Brasilien. „Ja, normalerweise surfe ich eher an wärmeren Spots“,  sagt er lachend. „Aber der Kontrast ist ja das, was den Job spannend macht, und erst recht bei einer Kulisse wie hier.“

Der Silvaplanersee südlich von St. Moritz liegt auf 1800 Metern Seehöhe und gilt als einer der bekanntesten Kitesurfspots auf der ganzen Welt. Dass dem so ist, liegt neben dem bereits erwähnten Malojawind und der spektakulären Berglandschaft vor allem am Wirken von Stefan Popprath. Seit 20 Jahren betreibt Stefan – Baseballkappe, Kapuzenpulli, jugendliche Ausstrahlung –  die Kitesailing-Schule im Sportzentrum Mulets in Silvaplana. Als er seinen Schülern die ersten Kniffe mit dem Schirm zeigte, war das Kitesurfen gerade erst dabei sich zum eigenständigen Sport zu entwickeln. „Es hat noch nicht einmal einen richtigen Namen dafür gegeben. Zuerst hieß es Parawing, dann haben wir es Kitesailing genannt. Deshalb heißt die Schule heute noch so“, erzählt der Pionier.

Der gebürtige Solothurner war bereits 1991 in das Engadin gekommen - eigentlich, um in der Buchhaltung des Kurvereins von Silvaplana zu arbeiten. Stattdessen entdeckte er den Malojawind für sich. „Damals hatte Reinhold Messner gerade versucht, die Antarktis zu durchqueren, indem er sich mit Skiern von einem Schirm ziehen ließ. Ich dachte mir: Das könnte Spaß machen – und mit dem gleichmäßigen Wind vielleicht auch im Tourismus funktionieren.“ Gesagt, getan: Schon im Winter 1994 unterrichtete er seinen ersten Schüler im „Snowkiten“ auf dem zugefrorenen See. Der Schritt ins flüssige Wasser sei dann bloß die logische Folge gewesen: „Es ging ja um die selbe Frage: Wie kann ich die Traktion des Schirmes nutzen um mich schneller fortzubewegen – und zwar so, dass es Spaß macht?“ Sein Problem: Es gab kaum brauchbares Equipment. Es fehlte an passenden Boards, es fehlte an Schirmen die sich aus dem Wasser starten ließen. Erst nach unzähligen Materialtests, Basteleien und Selbstversuchen gelang Ende der 90er der Durchbruch. Im Jahr 1999 eröffnete er seine Schule – als erste in der Schweiz und eine der ersten überhaupt.

In der Zwischenzeit hat sich die Wolkendecke über dem See etwas gelichtet und wir spüren, wie eine sanfte Brise aufkommt. Der Wind hat auf sich warten lassen, aber ganz lässt er die Surfer offenbar doch nicht im Stich. Schon sieht man den ersten Schirm über dem Bergsee aufsteigen, und auch Youri Zoon streift sich seinen Neoprenanzug über. Mit einem gekonnten Zug am „Kite-Bar“, mit dessen Hilfe der mehr als zehn Quadratmeter große Kite wie ein Lenkdrache gesteuert wird, lässt er den Schirm geschickt in die Luft steigen. Dann trabt er zum Seeufer, während der Kite 25 Meter über ihm im immer kräftiger werdenden Wind zerrt. Routiniert schlüpft er in der Bindung und lässt sich dann vom nächsten Windstoß auf das Wasser hinausziehen.

Jetzt kreisen bereits unzählige Schirme in allen erdenklichen Farben über dem See. Vor den staunenden Augen der anderen Surfer holt Youri nach und nach ein paar Highlights aus seiner Trickkiste. Sprünge mit zehn Metern Höhe und fünfzig Metern Weite sind für Profis wie ihn kein Problem. „Wenn man so fahren will, braucht man schon ein bisschen mehr als ein paar Tage Training“, sagt Stefan, der heute mit uns am Ufer geblieben ist. Er gehe zwar auch noch gern ins Wasser, aber nur wenn die Sonne scheint und die Bedingungen perfekt sind, sagt er lachend. „Am Anfang bin ich noch Wettkämpfe gefahren. Als ich 1999 die Schweizer Meisterschaften veranstaltete, waren wir gerade einmal zwei Leute, die es mit dem Schirm aus dem Wasser geschafft haben“, erinnert er sich lachend. „Da war es noch leicht zu gewinnen.“ 

Heute ist die Szene eine andere. Kitesurfen ist in den vergangenen Jahren zur absoluten Trendsportart geworden. „Vor 20 Jahren habe ich jeden hier am Strand gekannt, heute sehe ich überall neue Gesichter“, sagt Stefan. Dabei war der Sport in der Schweiz lange Zeit generell verboten. Bis 2015 war es den Kantonen bzw. Gemeinden vorbehalten, für einzelne Seen Ausnahmebewilligungen erteilen. Am Silvaplanersee war das Kitesurfen von der Gemeinde immer geduldet: „Als der Bund 2001 das generelle Verbot aussprach, war mein Geschäft ja schon zwei Jahre im vollen Betrieb“, sagt Stefan. Ein weiterer Pluspunkt sei das kalte Gletscherwasser gewesen, das auch im Sommer nie wärmer als 15 Grad wird. „Dadurch ist der See für Schwimmer eher uninteressant.“ 

Mittlerweile will die bunten Schirme ohnehin niemand mehr missen. „Der Sport ist ein echter USP für die Region geworden“, ist Stefan überzeugt. Sowohl von München als auch von Mailand aus ist der Silvaplanersee der nächstgelegene Spot für alpine Kitesurfer. Dank der Verlässlichkeit des Windes sind die Bedingungen auch für Einsteiger gut geeignet. In drei bis vier Trainingstagen könne man den Kite in der Regel soweit kontrollieren, dass es richtig Spaß mache, sagt Stefan. Und wenn der Malojawind dann doch einmal ganz auslassen sollte, gibt es in den umliegenden Bergen vom Mountainbiken bis zum Klettern genügend Möglichkeiten für ein Ersatzprogramm.

www.kitesailing.ch | www.yourizoon.com

Text: David Schwarzenbacher // friendship.is
Fotos: Florian Lechner // friendship.is

19. April 2017

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