Die Geschichten

Das Spiel Der Pferde Auf Eis

Der Himmel über dem St. Moritzersee ist voller großer, weißer, dicker Wolken. Es ist Tag vier des Snow Polo-Turniers 2016. 

Um 10 Uhr morgens befindet sich das mächtige, von den schönsten Bergen des Engadins umsäumte Areal noch im Schlummerschlaf, so, als müsse es sich von den Strapazen des Vortags erholen. Noch ist das Zelt, in dem später die Pferde der Spieler auf ihren Einsatz warten werden, leer. Die Tribünen, auf deren Plätzen die Fans klatschen, jubeln und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, sind unberührt. Hin und wieder nimmt ein Wintervogel auf einer Sitzlehne Platz und schreit in den Himmel. Vielleicht wartet er auf die Drohne, die das dynamische Treiben am See von oben beobachten und dokumentieren wird. Sie hatte ihn wohl schon am Vortag irritiert.

„Bitte, wirf mich nicht ab, sei gnädig!“

11 Uhr. Der Himmel hat aufgehellt, zeitweise präsentiert sich die Sonne hinter einem Schleier dünner Wolken als gelbgoldene Kugel. Die Lautsprecherboxen, die hier an allen wichtigen Ecken angebracht sind, spielen Gute Laune-Musik. Die ersten Zuseher spazieren gemütlich das Gelände entlang: Mütter mit Kinderwägen, aus denen Babys mit rosa Wangen blicken, fest eingepackt in dicke Daunenjacken. Männer mittleren Alters in schicken dunkelblauen Parkas mit Husky an der Leine, schöne Frauen mit dicken Moon-Boots, Pelzmänteln, teuren Handtaschen und einem Glas Champagner in der Hand. Aus der Ferne sieht man nun die Pferde. Sie werden ins Zelt geführt. Auch einige der Spieler sind jetzt da. Die einen werden ihren Pferden gut zureden, die anderen werden sich kurz für ein paar Dehnübungen zurückziehen – oder diese direkt vor dem Athleten-Zelt vorführen, so wie Cedric Schweri vom Team Perrier-Jouët – eines der vier Vierer-Teams, die vier Tage lang gegeneinander auf Eis spielen. „Es ist wichtig, gut aufgewärmt zu sein, weil ein Sturz sonst noch schmerzhafter ist“, erzählt uns der Spieler, der vor vier Jahren nach Mehrfachbrüchen und Rippenverletzungen vier Monate lang in die Rehabilitation musste. Heute ist er topfit. Vor dem Spiel wird er sich noch mit seinem Team besprechen („Es ist wie in einer Firma: Man brieft sich vor dem Match, schaut sich die Strategie an“), auch mit dem Pferd, auf dem er auf den zugefrorenen See reitet, wird er sich unterhalten: „Bitte, wirf mich nicht ab, sei gnädig!“ Andere werden, wie er uns erzählt, versuchen, die Verfassung ihrer Pferde am Blick abzulesen: Ist da Schalk drin? Oder Gelassenheit?  

1.500 Kalorien pro Spiel

12 Uhr. Das erste Spiel beginnt. Wie in einer Manege reiten die zwei Viererteams, angeführt von je einem Maserati, aufeinander zu. Dramatische Musik dröhnt aus den Boxen. Während des Spiels, das nun stattfinden wird, werden die Pferde den See auf- und ablaufen. Dabei werden die Spieler auf ihren Rücken versuchen, den roten Plastikball ins Tor der Gegner zu schießen. Alle sieben Minuten werden die Pferde gewechselt – die Belastung sei sonst zu groß – und ein Spieler wird während eines Spiels ungefähr 1.500 Kalorien verbrennen, weiß Cedric Schweri: „Man denkt immer, der Mensch muss gar nicht so viel machen, aber du bist die ganze Zeit unter Spannung, musst dich auf dem Pferd halten, bist immer am Schlagen oder Wenden und bewegst ständig deinen Oberkörper.“ Außerdem befindet sich St. Moritz auf 1.800 Höhenmeter – eine zusätzliche Herausforderung für die Spielenden. Moderiert wird das Schauspiel von einer Stimme mit britischem Akzent und „Inselschmäh“, wie Cedric Schweri es beschreibt. Und die begehrte Cartier Trophy wird ganz am Ende Team Maserati gewinnen, aber das ahnt zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand. 

„In St. Moritz wird nicht nur zugeschaut, wenn einer runterfällt.“

St. Moritz gilt weltweit als renommiertester Snow Polo-Austragungsort. Seit über 30 Jahren verwandelt sich der St. Moritzersee Ende Jänner in ein gigantisches Spielfeld, auf dem Menschen auf Pferden gegeneinander um Ruhm, Ehre und Preisgeld kämpfen. „Das Positive an St. Moritz ist, dass die Leute sehr interessiert am Sport sind und nicht nur zuschauen, wenn man runterfällt. Das Publikum ist fachkundig und die Stimmung ist immer sehr gut“, so Cedric Schweri, der es gelassen nimmt, dass das gegnerische Team Badrutt’s Palace Hotel das Spiel für sich entscheiden kann: „Das legt man dann immer schnell ad acta – ändern kann man es ja sowieso nicht mehr. Und wenn man dann wieder auf dem Pferd sitzt, ist die gute Stimmung automatisch wieder da.“ Nach dem Spiel verschwindet der Spieler übrigens vorerst nicht im Zelt der Athleten oder im VIP-Bereich. Er schnappt seinen kleinen Sohn, setzt ihn vor sich auf das Pferd und reitet eine zügige Runde um den See. Dann nimmt er die kleine rechte Hand des Zweijährigen, versteckt in dicken Fäustlingen, und tätschelt damit das Pferd: Gut gemacht. „Meine Kinder sind sehr pferdeaffin. Wenn sie mal Polo spielen wollen, können sie früh damit anfangen“, sagt er und verschwindet im Getümmel der Besucher. Es ist 14 Uhr. Das Areal rund um das Spielfeld pulsiert, die Musik ist lauter als zuvor, man prostet sich zu und klopft den Spielern auf die Schultern. Gut gemacht.   

Snow Polo St. Moritz

Text: Martha Miklin // friendship.is
Fotos: Heiko Mandl, Walter Oberbramberger // friendship.is

13. April 2016

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