Die Geschichten

Traditionalist Mit Rebellischem Herzen

Auf unbezahlte Praktika bei abgehobenen Labels und unleistbare Apartments in Manhattan hatte Silvano Vitalini keine Lust. Der Modedesigner aus St. Moritz gründete lieber gleich sein eigenes Label. Das Signature-Stück: der klassisch geschnittene Engadiner Blazer aus einheimischen Materialien. Die anderen Teile? Unkonventionell: von High-Tech über extravagant bis untragbar.

Das aktuelle Titelbild auf Silvano Vitalini’s Facebook-Page zeigt ein männliches Model, Dandy-like mit Frack und Fliege, selbstbewusst beide Mittelfinger in die Kamera haltend. „Not your average tailor“ steht daneben. Mit Konventionen hat es der junge Modedesigner anscheinend nicht so - aber erst auf den zweiten Blick. Denn sein Signature-Stück ist der Engadiner Blazer –ein klassisch geschnittener Herrenblazer aus traditionellen Materialien. Erst wenn man sein Atelier im Herzen von St. Moritz betritt und durch die maßgeschneiderten Stücke auf der Stange schaut, kann man den rebellischen Geist ein wenig spüren. Da hängen etwa ein Blazer aus wasserabweisendem italienischen Militärstoff und einer aus dekadentem Seidenbrokat –ein Stoff, der normalerweise für Kissen oder Vorhänge verwendet wird. Die Herrenmode, die Silvano Vitalini unter dem gleichnamigen Label entwirft, folge keinen Trends. Auch die Damenmode, die er gemeinsam mit der avantgardistischen Designerin Danja Good kreiert, „geht schon eher in die Kunst, da leben wir uns kreativ aus“, so der junge Designer. In einem Eck des Ladens ist eines der „Good & Vitalini“-Kleider ausgestellt. Es ist aus Tapete.

Experimente zum Anziehen  

Funktionale High Tech-Stoffe, 100% wasserfeste Blazer„denen man nicht ansieht, dass sie wasserfest sind“, Blazer aus Hemden- oder Krawattenstoffen –„wir sind wirklich offen für alles“, erzählt der Designer. Experimentieren, das liegt ihm. Vor allem bei den Materialien: „Den Stoff, den du im Kopf hast, gibt’s meistens nicht. Entweder du lässt ihn machen – oder du findest einen, der dich inspiriert“, so Silvano Vitalini, der mittlerweile ein Produzenten-Netzwerk hat, das die Stoffe herstellen kann, die ihm vorschweben. Vitalini greift gerne auf regionale Materialien zurück, ihm sei wichtig zu wissen wo die Stoffe herkommen: „Da kann ich mit gutem Gewissen das verlangen, was ich verlangen muss, weil die Löhne in Zentraleuropa nun mal so sind.“ Einen Blazer kann man ab 1.600 Schweizer Franken erwerben, ein Cocktailkleid gibt es ab 2.500.

Keine Lust, klein anzufangen

Normalerweise müssen DesignerInnen, bevor sie ihre Kreationen so verkaufen können wie Silvano Vitalini es tut, nicht nur ein unbezahltes Praktikum machen. Aber darauf hatte der junge Designer, der das Handwerk von seiner Großmutter gelernt hat, keine Lust. Und nach dem „sehr praxisorientierten Modedesign-Studium in Zürich - alles was wir entworfen haben, mussten wir selber nähen“ - und kurzweiliger erfolgloser Jobsuche entschied er sich für einen Shortcut und gründete mit Hilfe von Familie und Freunden sein Label. Das Atelier habe er vor drei Jahren per Zufall mieten können, und anfänglich sei er in jedes verfügbare Fettnäpfchen getreten, meint er –was nach einem Sprung ins kalte Wasser nicht verwundert. Da dauert es eben ein bisschen, bis sich alles eingespielt hat, die Kommunikation mit den Lieferanten und Produzenten glatt läuft und man herausgefunden hat, auf wen man sich verlassen kann. So wie das kleine Familienunternehmen aus dem Veltlin – Mutter und Tochter, die die Stricksachen herstellen, die er außerdem vertreibt. Den persönlichen Kontakt zu denjenigen, mit denen er arbeitet, schätze er sehr. Auch die direkte Kommunikation mit dem Kunden, der ihm dann ins Gesicht sagen kann, wenn etwas nicht passt. „Und wenn es dann passt –was gibt es Schöneres?“ so der stets perfekt gekleidete Designer.

Silvano Vitalini macht keinen Hehl aus seinem Dandytum. Sein Outfit und Styling sind so tadellos, dass man glauben könnte, er komme direkt von einem Shooting - bei dem er vor der Kamera stand. Sein Radius umfasst derzeit London, Zürich und St. Moritz. Über seine Homebase sagt er: „Es gibt keinen besseren Ort um Kinder großzuziehen.“ und: „Mein persönlicher Hattrick im Herbst: morgens Skifahren, mittags baden zum Stazer See und abends Golf spielen.“ Und wenn man weiß, dass er acht Jahre lang Türsteher im legendären Dracula-Club war, „um sich während des Studiums etwas Taschengeld dazuzuverdienen“, dann könnte man auch glauben, dass das Rehhafte in seinen Augen sehr schnell in etwas Wilderes umschlagen kann. Etwas, das der Welt einfach mal so den Mittelfinger zeigt.

Text: Martha Miklin // friendship.is
Fotos: Ian Ehm // friendship.is

11. August 2017

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