Die Geschichten

Angetrieben Vom „Verkehrten Wind“

Der St. Moritzersee ist ein Garant für perfekte Segelbedingungen. Das liegt vor allem am legendären Malojawind. 

Wer schon einmal im Sommer in St. Moritz war, hat ihn bestimmt wahrgenommen. Er ist während der warmen Monate praktisch Dauergast und mitverantwortlich für das angenehme Klima im Ort. Besonders großer Beliebtheit erfreut er sich im Segel-Club St. Moritz – die Rede ist vom legendären Malojawind, dem „verkehrten Wind“. 

Wir haben nahezu immer perfekte Windbedingungen.

Normalerweise weht der Wind in Alpentälern tagsüber talaufwärts und nachts talabwärts (siehe Factbox). Im Engadin ist es umgekehrt. Die Erklärung für dieses Naturphänomen liegt im Bergell, dem Tal auf der anderen Seite des Malojapasses. Durch die außerordentlich steilen Hänge ist der Bergwind dort so stark, dass er über den Malojapass ins Engadin zieht und dort untertags talabwärts weht. Jürg H. Leuzinger kennt den Malojawind bestens. Seit über 40 Jahren ist er Mitglied im Segelclub, zehn Jahre lang war er sein Präsident. Unzählige Stunden hat er schon auf dem St. Moritzersee verbracht: „Wir haben nahezu immer perfekte Windbedingungen.“ 

„Nicht einfach nur von A nach B fahren“

Mit seiner jahrelangen Erfahrung weiß Leuzinger wie kaum ein anderer von der besonderen Faszination „seines“ Sports. Sie zu beschreiben fällt ihm dennoch schwer. „Ich glaube, es ist die Challenge, mit der und gleichzeitig gegen die Natur zu arbeiten. Mit einem Motorboot kann man ganz einfach von A nach B fahren, das geht mit dem Segelboot nicht. Da gehört schon etwas mehr dazu.“ Nur wer die Fähigkeit hat, den Wind zu lesen, kann die Segel richtig setzen. Nur wer eine herannahende Böe schon frühzeitig erkennt, kann auf diese reagieren und die Kraft der Natur für sich nutzen. 

Gerade ist die 1. Esse750-Regatta im Gange. Es wirkt ausgesprochen ästhetisch, wie sich die Segler auf die Seite lehnen, um die Krängung (Schieflage) auszugleichen. Insgesamt sieben Boote drehen auf dem See ihre Runden, die Windverhältnisse sind – wie erwartet – gut. Bis zu fünf Regatten veranstaltet der Club jährlich auf den beiden Seen, dem St. Moritzersee und dem Silvaplanersee. Gerade jene auf ersterem sind auch für Zuseher ein besonderes Erlebnis: „Der See ist überschaubar, dadurch können die Zuschauer die Boote während des gesamten Rennens sehen. Bei einer Regatta auf einem großen See sind die Boote irgendwo draußen und man sieht sie maximal mit dem Fernglas“, erklärt Leuzinger. 

Trendsport Segeln

Doch nicht nur erfahrene Segler und Regattierer kommen nach St. Moritz, auch Segelkurse für Anfänger erfreuen sich – speziell bei Kindern und Jugendlichen – großer Beliebtheit. „Wir haben drei Segellehrer, machen Kurse für 20 Teilnehmer und sind nahezu immer ausgebucht“, erzählt Leuzinger. Er selbst hat schon früh mit dem Segeln begonnen, mit 18 hatte er das Boot längst im Griff. „Das Auto hat mir mein Vater nie gegeben, aber das Boot hab ich immer gekriegt“, erinnert er sich schmunzelnd. Als Prüfer schaut er heute, ob „die Jungen“ am St. Moritzersee die Boote im Griff haben – und wird immer wieder positiv überrascht. „Wir haben 14-jährige Jungs, wenn die auf den See gehen, muss man sich keinerlei Sorgen machen.“ Und das gilt sowohl für Einheimische als auch für Gäste: Wer sich geschickt anstellt und ein bisschen Gespür mitbringt, kann hier schon im einwöchigen Urlaub den Kurs inklusive Prüfung absolvieren. 

Die steigende Beliebtheit des Segelsports überrascht Leuzinger keineswegs. „Es wird ja sonst alles immer hektischer und schneller. Beim Segeln kann man abschalten und runterkommen“. Zudem 
sieht er im Segeln auch eine Analogie zum Leben: „Mit Ausdauer, Geduld und Genauigkeit kann man sehr viel rausholen.“ 

Factbox:

Der Wind in Alpentälern

Durch die Sonneneinstrahlung auf die Berghänge erwärmt sich die bodennahe Luft, steigt auf und wird durch nachströmende Luft ersetzt. Dadurch kommt es tagsüber zu talaufwärts wehenden Winden. In der Nacht ist es umgekehrt: Die abgekühlte Luft sinkt und fließt als Bergwind talabwärts.

Text: Matthias Köb // friendship.is
Fotos: Ian Ehm // friendship.is

13. Oktober 2016

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