Die Geschichten

Hochgeschwindigkeitsglück

Zuerst hat man Angst, dann ist man glücklich. Dazwischen liegen 75 Sekunden und ein Bob im Eiskanal. 

Wenn man weiß, dass man in wenigen Minuten mit etwa 135 km/h einen Eiskanal hinunterschießen wird, kriegt man mitunter etwas weiche Knie. Oder (wenn wir ganz ehrlich sind) vielleicht sogar ein bisschen Angst. In so einer Situation freut man sich besonders, wenn man merkt, dass man nicht der Einzige ist, der sich gerade etwas unwohl fühlt. Fast ein bisschen erleichtert sieht man sich um und registriert: Die einen reden plötzlich sehr viel, die anderen werden ganz leise, manche lachen unsicher, manche schauen hochkonzentriert.

„Es gibt schon viele, die mit der Ungewissheit, was da jetzt auf sie zukommt, etwas zu kämpfen haben“, lacht Reto Götschi. Der 50-Jährige Schweizer ist Weltmeister und Vize-Olympiasieger. Seit er 2002 seine Karriere als Profi-Sportler beendet hat, ist er als Pilot mit Gästen auf dem Olympia Bob Run in St. Moritz unterwegs. Das ist irgendwie beruhigend, denn auch wenn seine Karriere schon etwas her ist: Der Mann war einmal der Beste der Welt. Zudem versichert er uns, sei es wirklich überhaupt nicht gefährlich. Und üblicherweise werde auch niemandem – im Unterschied zu einer Achterbahn – übel, denn es wirken nur positive Fliehkräfte. Davon allerdings bis zu +4,5g. Zum Vergleich: Bei einem Passagierflugzeug geht die Belastung eigentlich nie über +1,5 g hinaus.

Die Letzte und die Größte

Bereits 1904 in Betrieb genommen, ist der Olympia Bob Run in St. Moritz die älteste noch genutzte Bobbahn der Welt. Und das ist nicht das einzige Superlativ. Die Bahn ist auch die letzte bestehende Natureisbahn der Welt und mit etwa 15000 Kubikmeter verbautem Schnee die weltweit größte Schneeskulptur. „Das macht schon auch ein bisschen den Reiz dieser Bahn aus“, sagt Reto. „Dadurch, dass sie jedes Jahr neu von Hand gebaut wird, ist sie auch jedes Jahr ein bisschen anders.“

All das erfahren wir während wir warten, bis unsere Nummer auf dem Startschild erscheint. In der Zwischenzeit trudeln immer wieder Leute ein, die vom Zielgelände wieder rauf gebracht wurden. Freudig stellen wir fest: Sie sehen alle gesund aus. Und glücklich. Manche wirken geradezu überdreht. „Ich bin ja schon oft Achterbahn gefahren, aber das kann man überhaupt nicht vergleichen“, sprudelt Sharon aus Singapur los. „Das ist richtig schnell und man spürt richtig, wie die Fliehkräfte wirken. Aber es macht unglaublich Spaß. Ich würde es sofort noch einmal machen.“

Und ab geht die wilde Fahrt

Langsam aber sicher überwiegt die Vorfreude. Wir erhalten letzte Anweisungen von Reto (im Grunde genommen müssen wir nichts anderes machen als uns in den Bob zu setzen), setzen die Helme auf und bewegen uns in Richtung Start. Im Unterschied zu richtigen Sportlern müssen wir nicht anschieben. Zu zweit sitzen wir hinter Reto und warten darauf, dass der Bob angeschoben wird und unser Anschieber reinspringt. Auf den ersten Metern finden wir noch Zeit, den eindrucksvollen Kanal von innen zu bewundern. Dann geht’s richtig ab.

Wie sich 135 km/h in einem Bob anfühlen, kann sich wohl nur vorstellen, wer einmal drinnen gesessen ist. Den Versuch, uns gegen die Seitenlage zu lehnen, geben wir schnell erfolglos auf und uns dem Geschwindigkeitsrausch hin. Wir schießen durch Steilkurven, spüren warum der Devil’s Dive so heißt wie er heißt und wie sensibel der Bob auf kleine Unebenheiten reagiert. Im Horse Shoe, einer hufeisenförmigen Kurve mit über 180° macht man sich unweigerlich klein. Oder anders formuliert: Die hier wirkenden G-Kräfte stauchen uns ordentlich zusammen. Nach etwa 75 Sekunden ist der Spaß vorbei. Etwas wackelig auf den Beinen steigen wir aus dem Bob – und fühlen uns unheimlich gut. Das Adrenalin zeigt Wirkung. Gerne nehmen wir das Gläschen Sekt und unsere Urkunde zur Bobtaufe entgegen und stimmen Reto Götschi vollinhaltlich zu, wenn er sagt: „Am Ende haben wir eigentlich nur glückliche Gäste.“

www.olympia-bobrun.ch

Text: Matthias Köb // friendship.is
Fotos: Walter Oberbramberger // friendship.is

16. Dezember 2016

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