Die Geschichten

„Ich Möchte Meine Berge Sehen“

Wie die Vision des Malers Giovanni Segantini posthum durch ein Museum umgesetzt wurde.

Als der Kunstmaler Giovanni Segantini von Italien ins Engadin kam, war er vom magischen Licht, das der Seen- und Berglandschaft ihr strahlendes Antlitz verlieh, so angetan, dass er beschloss, sein Leben hier zu verbringen. Segantinis Begeisterung über das „Tal des Lichtes“ führte soweit, dass er dieses im Rahmen der Weltausstellung 1900 in Paris der Welt präsentieren wollte. Dazu erdachte der Visionär einen majestätischen Pavillon, in dem seine drei Hauptwerke „La Vita“, „La Natura“ und „La Morta“ – bekannt als das Alpentriptychon – zu sehen sein sollten. Das Projekt scheiterte jedoch an der Finanzierung. 

Mit den drei prachtvollen Gemälden, welche die lumineszierende Schönheit des Engadins widerspiegeln, behandelte Segantini die ewigen Fragen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Als er kurz vor der Fertigstellung von „La Morta“ (Vergehen) stand, erkrankte Segantini schwer und starb wenig später im Jahr 1899 in einer Berghütte auf dem Schafberg unweit von St. Moritz. „Ich möchte meine Berge sehen.“ sollen seine letzten Worte gewesen sein. Neun Jahre nach Segantinis Tod wurde in St. Moritz ein Museum zu seinen Ehren eröffnet. Initiiert wurde der Bau von Oskar Bernhard, jenem Arzt, der Segantini am Sterbebett Beistand leistete. Ausgewählt wurde dafür jener Ort, an dem sich in Segantinis Bild „La Natura“ hinter den schneebedeckten Bergen mild die Sonnenstrahlen treffen. Das architektonisch faszinierende Gebäude soll durch seine kuppelartige Bauweise an Segantinis Vision des Pavillons erinnern.

Auch heute, mehr als 100 Jahre nach der Eröffnung, ist das Segantini-Museum ein großer Anziehungspunkt für Kunstfreunde aus aller Welt. „60 Prozent unserer Besucher kommen nur wegen dem Museum ins Engadin“, so Kuratorin Claudia Pedretti, die das Museum seit 30 Jahren leitet. „Der Kuppelsaal, welcher die drei Hauptwerke Segantinis beinhaltet, kann für Gesprächsabende sowie auch Hochzeiten gemietet werden. Boris Becker hat zum Beispiel hier geheiratet. Wir bieten unzählige Führungen an und arbeiten auch viel im Bereich Museumspädagogik.“ 

Die Zahlen sprechen für sich: An manchen Tagen zählt das Museum bis zu tausend Besucher. Für Pedretti ist das ungebrochene Interesse an Giovanni Segantini leicht zu erklären. „Konzentrierten sich viele Maler seiner Zeit auf die Darstellung urbaner Motive, zog es Segantini immer hinaus in die Natur. Er arbeitete stets auch im Freien an seinen Gemälden und war der erste Maler, der den Alpenraum als Lebensraum für Tier und Mensch dargestellt hatte. Zuvor wurde den Alpen immer etwas Gefährliches, Unnahbares zugeschrieben.“ So gelang es Segantini, das Wirken des natürlichen Lichtes adäquat in seine Werke miteinzubeziehen. Pedretti: „Umso schöner ist es zu sehen, dass der Mann, der die Schönheit des Engadins der ganzen Welt präsentieren wollte, das auf indirekten Wege durch dieses Museum geschafft hat.“

www.segantini-museum.ch

Text: Armin Knöbl // friendship.is
Fotos: Florian Lechner // friendship.is

4. November 2016

Lesen Sie die Geschichten von