Die Geschichten

Rebel With A Cause

Der Berliner Star-Parfumeur Geza Schön hat die Nase voll.

Der in Berlin lebende Parfümeur Geza Schön ist ein Star seiner Branche. Berühmt geworden ist er 2006 durch seine escentric molecules – pure und radikale Düfte, die auf nur einem einzigen Aromamolekül, dem synthetischen Iso E Super, aufbauen. Sie riechen so einmalig gut, dass angeblich sogar Superstars wie Kate Moss oder Naomi Campbell zu seinen Fans zählen. Schöns Handschrift ist authentisch und radikal. Authentisch, weil es ihm in seiner Arbeit wichtig ist, ehrlich zu sein und sich von „Marketing-Schnickschnack“ fern zu halten. Radikal, weil nur wenige Parfümeure den Schritt aus der Industrie heraus wagen, um ihre Ideen in komplett neuen, teilweise auch verrückten olfaktorischen Konzepten und Rezepturen zu verwirklichen. Die Frage, ob er deswegen ein „Enfant terrible“ oder „Rebell“ sei, winkt Schön charmant ab: Dies sei für ihn der einzig logische Weg als Künstler. Und überhaupt stehe er nicht jeden Tag auf und denke, wie wild er sei.

Auf Einladung der Unternehmerin Eveline Fasser Testa und der Tourismusdirektorin von St. Moritz, Ariane Ehrat, hat Geza Schön 2013 St. Moritz in zwei Raumdüften abgebildet: Engiadina, einem Sommerduft, und Inviern, einem Winterduft. Best of the Alps traf Geza Schön zu einem Gespräch über Authentizität, die Magie von Düften und olfaktorische Sprachbarrieren.
 

Geza, wie bekommt man St. Moritz in einen Flakon?

Geza Schön: Naja (lacht), das bekommt man natürlich nicht zur Gänze hin. Es wäre toll, wenn jede Stadt so viele Alleinstellungsmerkmale hätte, dass man das machen könnte. Aber dem ist nicht so. Also fokussiert und selektiert man in seiner Arbeit, denn ich kann ja keine physischen Geruchseindrücke komplett 1:1 nachzeichnen. Ich kann zum Beispiel Kälte oder Wärme genauso wenig in eine Flasche füllen wie den Duft von Bergen oder Schnee. Das wäre für mich absurd, so etwas mache ich nicht. Daher kann ich das nur skizzieren.

Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?

Geza Schön: Inviern soll einen Spaziergang in der kühlen Winterluft in St. Moritz widerspiegeln. Dafür habe ich mich auf Arvenholz konzentriert. Dieses Holz ist sehr typisch für die Gegend und wird dort schon seit jeher zum Bauen verwendet. Es ist ein sehr schönes Holz und hat vor allem einen sehr schönen Geruch.
Zu dieser starken Arvenholznote gesellen sich dann noch Anklänge von einer luftigen Kühle, denn im Winter spürt man ja die kühle, frische Luft. Dazu kommt etwas Warmes und Holziges mit einer Note von Kaminfeuer. Und dann hast du es auch schon.

Und Engiadina, der Sommerduft?

Geza Schön: Engiadina stellt den Sommer in mit seinen blühenden Blumen und Wildkräutern dar. Er ist sehr viel luftiger und leichter als der Winterduft und erinnert an Bergluft. Der Duft enthält Enzian und eine leichte Fichtennote. Dazu ist er auch sehr krautig, herbal – eben genauso, wie man sich Wildblumen vorstellt. Einen Teil Arvenholz habe ich auch noch hinzugefügt - aber längst nicht so viel, wie in der Wintervariante. 

Arbeitest du viel mit Assoziationen oder versuchst du so nah wie möglich an der Realität zu bleiben?

Geza Schön: Wenn ich anfangen würde zu assoziieren, dann könnte ich auch sagen: Ich fange jetzt an rumzuspinnen. Wenn man in einem Ort spazieren geht, dann erlebt man konkrete Duftnoten, die man dann in einen Flakon bringen kann. Ich will genau das, was ich rieche, in meine Düfte geben. Wenn jemand z.B. versucht den Duft von New York einzufangen und dieser riecht dann nach Jasmin, Bergamotte und Moschus, dann denk ich mir: Ok, ihr seid ja alle Idioten! Das ist für mich komplett an den Haaren herbeigezogen und willkürlich.

Also geht es dir in deiner Arbeit darum so ehrlich, wie möglich zu bleiben?

Geza Schön: Wenn ich das nicht wollen würde, dann hätte ich auch in der Industrie bleiben und das Bullshit-Spiel der immer weiter auf die Spitze getriebenen Kommerzialisierung der Branche weiter spielen können.

Du bist nach zwölf Jahren in der Duftindustrie einfach ausgestiegen und hast dich 2002 selbständig gemacht – ist das manchmal auch ein harter Weg?

Geza Schön: Das kommt immer darauf an, wie gewissenhaft man mit sich selbst umgehen möchte. Ich finde, je mehr Authentizität, Realismus und Wahrheit in einer Arbeit steckt, desto besser.

Wo findest du Inspiration?

Geza Schön: Das kann ein einzelnes Naturprodukt sein, das es auf einmal in einer besonders guten Qualität gibt oder eine spannende Neuheit aus der Chemie. Die sind zwar in unserer Zeit selten geworden, weil die Labore, die nach neuen Riechstoffen suchen, jede Ecke eines Moleküls schon angesehen und jeden Stoff schon gefiltert oder durchgekocht haben. Eine weitere Inspirationsquelle sind auch Gerüche, die ich auf der Straße rieche. Wenn z.B. jemand an mir vorbei geht und einen Duft trägt den ich toll finde. Das kann dann schon ausreichen, um einen olfaktorischen Akkord zu bilden, aus dem ich dann etwas ganz Neues kreiere.  

Die beste Inspiration ist aber eigentlich immer eine Reise. Je weiter weg, desto besser. Ich finde es einfach großartig zu beobachten, wie die Menschen in einem andere Land leben, wie sie aussehen, wie das Wetter dort ist, wie die Flora und Fauna beschaffen ist. Allein an einem anderen Ort zu sein und all diese Sachen zu riechen ist so inspirierend, da würde ich am liebsten zu jedem neuen Ort einen neuen Duft kreieren.

Und Emotionen?

Geza Schön: Puh. Wir haben alle Emotionen, aber wir empfinden diese auch alle unterschiedlich. Es gibt keine olfaktorische Richtlinien, um dir meinen Ärger zu vermitteln. Dafür sind Gerüche einfach zu subjektiv. Wenn ich dir über etwas sage, das riecht nach Liebe, dann denkst du vielleicht: „Was ist denn mit dem los?!“ Olfaktorisch ist archaisch. Zu erwarten, dass mein Rezipient die Geschichten, die ich olfaktorisch schreibe, olfaktorisch aufnimmt und versteht, das kann ich komplett vergessen. Das funktioniert nicht. Für  mich ist es auch manchmal frustrierend, dass die Sprache, so wie ich sie parfümistisch spreche, überhaupt nicht die Sprache der anderen sein muss. Wir werden leider auch schlecht geschult und verlieren immer mehr unser olfaktorisches Vermögen, die Welt zu begreifen.

Wodurch passiert das?

Geza Schön: Wir kriegen ja nur das, was am Markt ist. Als ich aufgewachsen bin gab es von Schwarzkopf nur Schauma-Shampoo. Zwangsläufig hat für mich ein Shampoo genauso zu riechen. Anderes Beispiel: In Indonesien etwa werden Rosen verwendet wenn jemand geboren wird, in Thailand werden Rosen verwendet wenn jemand stirbt. Und schon bist du komplett im Arsch, denn du kannst mit Rosen gar keine Botschaft mehr senden, ohne den Ländercode dazu zu kennen. Deswegen scheitern ja Firmen auch immer wieder daran, den globalen Duft zu kreieren, der jedem in jedem Land gefällt. Aber das ist eigentlich ganz gut so. Das ist auch einer der Gründe, warum Gerüche und Düfte für mich auch immer noch etwas Magisches haben. Weil eben jeder immer wieder dazu gezwungen ist, seine eigene Interpretation zu entwickeln und nicht einfach im bloody Internet nachsehen kann „wie das denn jetzt riecht“. Riechen ist eine individuelle Fähigkeit die wir besitzen.

Hast du einen Grundsatz oder ein Manifest dem du folgst?

Geza Schön: Mein Motto ist eigentlich einfach: keinen Bullshit machen. Einer der Gründe, warum ich aus der Industrie ausgestiegen bin ist, dass ich glaube Ideen zu haben, die ich in der Form dort nicht hätte umsetzen können. Gerade eben mit den escentric molecules.
Die Freiheit selbstständig zu sein ermöglicht mir Dinge, die hätte ich mir damals in der Industriearbeit nicht erträumen können. Dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe, zeigt mir auch der Erfolg, denn wir verkaufen das Zeug ja auch. Insofern gibt es für mich auch gar nicht die Notwendigkeit, mich parfümistisch zu verbiegen.

Und da wären wir auch schon wieder am Anfang des Gesprächs. Ich bin sehr froh, wenn ich - wie im Falle der St. Moritzer Düfte - etwas Konkretes habe und mir nicht irgendwas Wirres ausdenken muss. Ich bin kein Freund der Willkür. Parfümeure und auch das Marketing in der Branche verstecken sich gerne hinter dem Unkonkreten, Nicht-Nachvollziehbaren, das gibt ihnen gewissermaßen einen Freibrief. Aber so tick ich nicht. Ich schätze meinen Berufsstand sehr. Es gibt wahnsinnig gute Parfümeure und ich möchte auch, dass mein Berufsstand hochgehalten wird. Aber es ist schon teilweise übel, was da passiert. Andererseits aber wieder gut für Leute wie mich – wir können mit guten Konzepten extrem herausstechen und die andern spielend hinter uns lassen. So gesehen ist auch wieder alles gut (lacht).

www.escentric.comwww.7500stmoritz.ch

Interview: Sophia Roma Weyringer // friendship.is
Fotos: Sandra Ludewig; Daniel Martinek Photography; Ian Ehm + Walter Oberbramberger // friendship.is

7. April 2016

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