Die Geschichten

Der Jazz Zu Gast Bei Dracula

Wenn der legendäre Dracula Club zur Bühne des Festival da Jazz wird, stört es selbst die weltbesten Jazzmusiker nicht, dass der gesamte Club kleiner ist als mancherorts die Garderobe.

Geheimnisse haben uns Menschen seit jeher fasziniert: Je weniger man über etwas weiß, desto mehr wird darüber geredet. Es entstehen Legenden und Mythen. Der Dracula Club galt über Jahrzehnte als einer der geheimnisvollsten Orte in St. Moritz. Gegründet von Lebemann, Fotograf und Kunstsammler Gunther Sachs im Jahr 1974, wurden hier die exklusivsten Partys gefeiert. Der Club wurde zu einem Ort, über den jeder spricht, obwohl kaum einer Konkretes berichten konnte – der Zugang war Mitgliedern und deren Freunden vorbehalten.

Auch heute noch, nach dem Tod von Gunther Sachs und der Übernahme des Clubs durch seinen Sohn Rolf, bleibt Nicht-Mitgliedern der Zugang verwehrt – abgesehen von wenigen Wochen im Sommer. Dann wird der Club nämlich zur Spielstätte des Festival da Jazz, wo sich Stars wie Herbie Hancock oder Ahmad Jamal gemeinsam mit den Besuchern der geheimnisvollen Aura der Räumlichkeiten hingeben. „Dieser Club hat eine Seele, das spürt jeder, der ihn betritt. Ich beobachte oft die Künstler – auch sie verhalten sich hier anders“, erklärt Christian Jenny, Organisator des Festivals.

„Den Dracula Club kriegst du eh nicht“

Der Ursprung des Festivals liegt im Weinkeller des Hotel Kronenhof im nahegelegenen Pontresina. Dort organisierte Jenny gemeinsam mit dem Hoteldirektor jährlich ein paar kleine Konzerte mit lokalen Künstlern. Als das Hotel 2006 verkauft werden sollte, schien das Projekt beendet. Jenny erhielt zahlreiche Zuschriften mit der Bitte um Fortsetzung, eine davon mit der Anmerkung: „Frag doch im Dracula Club – aber den kriegst du eh nicht.“ Jenny wurde neugierig, informierte sich und kontaktierte Rolf Sachs per Mail. Betreff: Asylantrag. „Die Mail war sehr ironisch formuliert. Das dürfte Rolf gefallen haben“, erinnert er sich. Es kam es zu einem Treffen, über das Jenny heute sagt: „Das war der Lucky Punch meines Lebens. Es hat einfach sofort gepasst zwischen mir und Rolf.“

Maximal 150 Besucher pro Konzert - der Club bewahrt auch während des Festivals seinen exklusiven Ruf. Auf dem Weg  von der Garderobe zur wenige Quadratmeter großen Bühne müssen sich die Künstler mitten durch das Publikum drängen. Während der Konzerte kann es vorkommen, dass Musiker die Bühne verlassen und auf Tuchfühlung mit Besuchern an der Wand lehnen, um den Soli ihrer Bandkollegen Tribut zu zollen. „Jazz gehört in den Club. In den 90ern wurde es zum Trend, dass Jazzkonzerte in Philharmonien gespielt werden. Aber das passt doch nicht zusammen – ein Jazzkonzert vor einer Kirchenorgel? Das ist, als würden wir hier die Matthäus-Passion spielen“, so Jenny. Die Nähe zwischen Publikum und Künstler begeistert beide gleichermaßen. „Es entsteht eine viel tiefere Verbindung mit den Besuchern, speziell wenn das Publikum so enthusiastisch ist wie hier“, sagt Musiker Kyle Eastwood, der 2015 erstmals beim Festival zu Gast war.

Ein Ort der Improvisation

Doch passt Jazz überhaupt nach St. Moritz, an diesen Ort, der in der ganzen Welt als Inbegriff des glanzvollen Ferienorts bekannt ist? „Was mich am Jazz so fasziniert, ist die Improvisation. Und so komisch das klingen mag: Ich hab noch keinen Ort erlebt, an dem so viel improvisiert wird wie hier“, so Jenny. „Wenn es hart auf hart kommt, hilft ein Hotelier dem anderen, auch wenn sie sonst Konkurrenten sind.“ Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Stromausfall kurz vor einem Konzert vor drei Jahren. Innerhalb von einer halben Stunde hatte man 200 Kerzen zur Verfügung. Laut Jenny ist das Festival auch deshalb so erfolgreich, weil es in der Region verwurzelt ist. „Die Konzerte im Kronenhof waren ja für die Einheimischen.“ Einen konkreten Plan, daraus ein internationales Top-Festival zu machen, gab es nie. „Du kannst ein Kunstfestival nicht am Flipchart planen. Du kannst nur eine Vision haben. Wenn du es gut machst, kommt der Rest von selbst.“

Aus anfänglich fünf Konzerten wurden 10, dann zwanzig. Mittlerweile umfasst das Festival da Jazz 50 Konzerte und zählt zu den renommiertesten in der Szene. An den „Durchbruch“ erinnert sich Jenny noch gut: 2010 flog er extra nach London, um The Manhattan Transfer von einem Auftritt beim Festival da Jazz zu überzeugen. Diese sagten zu und schickten ein 60-seitiges Dokument, in dem  unter anderem die Anforderungen für die Größe der Garderobe beschrieben waren: „Ich hab ihnen zurückgeschrieben, unser gesamter Club sei leider kleiner als die Garderobe, die sie sich wünschen. Sie sind trotzdem gekommen und waren dann drei Jahre lang Stammgäste.“ Offenbar wurden auch sie von der Faszination dieses Clubs gepackt, dessen Mythen und Legenden ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Und auch wenn diese noch lange bestehen werden, dank dem Festival können nun auch Nicht-Mitglieder Konkretes darüber erzählen – von unvergesslichen Konzerterlebnissen.

www.festivaldajazz.ch 

Text: Matthias Köb // friendship.is
Fotos: Ian Ehm // friendship.is

13. Oktober 2016

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