Die Geschichten

Ein Kind Der Berge

Hüttenwirtin Claudia Rähmi bezeichnet sich als eigenwillig. Wer sie kennt, wird das allerdings nicht negativ verstehen.  

Als wir uns frühmorgens in die erste Gondel der Corvatschbahn setzen, gesellt sich eine junge Frau mit Rucksack zu uns. Wir kennen sie nicht, vermuten aber, dass sie auf einer Berghütte arbeitet. Auch sie steigt bei der Mittelstation Murtél aus, lässt uns dann aber schnell hinter sich – und begrüßt uns kurze Zeit später lächelnd auf der Hütte „Fuorcla Surlej“.

Ebenso breit lächelt ihre Chefin, Claudia Rähmi, die ob unseres frühen Besuchs etwas überrascht wirkt, uns aber sogleich mit hauseigenen Köstlichkeiten versorgen will. Wir winken dankend ab, nach einer so kurzen Wanderung haben wir uns wirklich noch keine Stärkung verdient. Also erst noch ein wenig wandern. Claudia schickt uns auf den Weg in Richtung Coaz-Hütte – „Da bekommt ihr einiges zu sehen!“ – und nimmt uns das Versprechen ab, im Anschluss bei ihr einzukehren.

Ihre Worte finden unsere vollkommene Zustimmung, als sich uns der Blick auf den 4049 Meter hohen Piz Bernina mit seinem berühmten Biancograt eröffnet. Überhaupt präsentiert sich die Engadiner Alpenlandschaft auf dieser zweistündigen Wanderung von ihrer schönsten Seite. Wir überqueren einen Quellfluss und nähern uns der Coaz-Hütte, die direkt unter dem prächtigen Piz Roseg thront. Selbst während einer kurzen Verschnaufpause bleiben unsere Augen stets voller Faszination auf die Bernina-Gruppe gerichtet. In Vorfreude auf Claudias angekündigte Gerstensuppe machen wir uns auf den Weg zurück zur Fuorcla Surlej. Dort treffen wir die freundliche Hüttenchefin beim Kartoffelschälen. Ihre Hündin Janis Joplin leistet ihr Gesellschaft: „Und, zu viel versprochen?“

Definitiv nicht. Auch nicht was die Gerstensuppe betrifft, die sie uns auf der Sonnenterrasse serviert. Warum Claudia so eng verbunden ist mit dieser Hütte, wird uns kurze Zeit später im Gespräch klar. 

Deine Verbundenheit mit diesem Ort spürt man sofort. Bist du hier aufgewachsen?

Ja, ich bin sogar auf der Hütte geboren. Aber natürlich war ich nicht immer hier. Ich bin studierte Rechtsanwältin. Als ich 30 war, habe ich die Hütte dann von meinem Vater übernommen.

Bist du derselbe „Typ“ wie dein Vater?

Mein Vater war ein Unikat, ein urtypischer Gastwirt, der die Leute auf der Terrasse unterhalten hat. Zu meiner Mutter hat er immer gesagt: ‚Wir haben eine Liegenschaft, ich liege und du schaffst!’ Ich hingegen bin lieber in der Küche und freue mich, wenn es den Gästen draußen schmeckt.

Was bedeutet dieser Ort, diese Hütte, für dich?

Einen Ort wie diesen hier, den gibt es kein zweites Mal. Deshalb tue ich alles, um ihn zu erhalten. Ich achte darauf, dass ich gesund bin, dass hier alles ruhig bleibt und dass das Personal zufrieden ist. Und ich pflege meine zahlreichen Stammgäste – im Sommer wie im Winter. Im Winter verläuft hier direkt neben der Hütte eine Piste. Da kehren viele Skifahrer gern zur Stärkung bei mir ein.

Was sind die drei Hauptgründe, warum deine Gäste immer wieder kommen?

Gerstensuppe, Spaghetti Bolognese, Kartoffelsalat.

Wir haben aufgegessen, und Claudia führt uns durchs Haus. Sie zeigt uns die ruhigen Gästezimmer der Fuorcla Surlej, die urtümliche Küche, in der „noch alles von Hand gemacht wird“ sowie eine gemütliche Stube, die sommers wie winters angenehme Stunden verspricht. Auf einem Regal entdecken wir Jagd-Requisiten.

Du gehst auch jagen?

Ich nenne es bewaffnete Spaziergänge.

Was hast du noch für Leidenschaften?

Unten im Tal steht mein Pferd, das ist mein Ein und Alles. Und ich mache oft Yoga und lese gern. 

Du bist allem Anschein nach ein sehr naturverbundener Mensch. 

Das Engadin lehrt einen, dass man für ein glückliches Leben nicht viel mehr braucht als ein wohnliches Heim und die Natur. Da draußen gibt es so viel zu entdecken. Ich bin nun schon 60 Jahre hier und habe immer noch nicht alles gesehen. Das Beste am Engadin ist, dass es bei jedem Wetter unterschiedliche Schönheiten offenbart. Jeder, egal ob Langläufer, Skifahrer, Wanderer oder Reiter kann hier seine Freuden finden.

Und welche „Rolle“ nimmt die Fuorcla Surlej ein?

Die einer authentischen Berghütte mit einer eigenwilligen Chefin. Ich sage halt immer, was ich mir denke. Das darf ich, weil ich keinen Mann und keine Kinder habe. Leute mögen mich oder eben nicht. Meine Stammgäste wissen, dass ich halt meinen eigenen Kopf habe.

Damit ist eigentlich alles gesagt, außer, dass wir dem Attribut „eigenwillig“ noch ein „überaus sympathisch“ hinzufügen.

Fuorcla Surlej

Text: Armin Knöbl // friendship.is
Fotos: Florian Lechner // friendship.is

20. Oktober 2017

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