Die Geschichten

Wanderer Der Achtsamkeit

Schweigen, Riechen, Sehen, Spüren: Wandern mit Wolfgang Pfeiffer ist Üben von Achtsamkeit.

Ob Heraklit, der griechische Philosoph, wohl eine Ahnung davon hatte, dass seine Aussagen noch tausende Jahre später beachtlich oft und in den unterschiedlichsten Kontexten zitiert werden würden? Und ob er seine Freude damit gehabt hätte? Man weiß es nicht. Aber was man mit Sicherheit sagen kann: Viele seiner Aussagen treffen es einfach auf den Punkt. Zum Beispiel der Satz, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann.

Wer mit Wolfgang Pfeiffer durch die Wälder rund um Leutasch wandelt, spürt schon sehr bald, dass der Ort des schönen Satzes von Heraklit auch in den Wald verlegt werden kann: Man kommt irgendwie anders wieder heraus. Vor allem wenn man sich voll und ganz auf die Meditationswanderung einlässt, zu der der Buddhismus-begeisterte Yogi und Betreiber einer kleinen Pension einlädt. Und das bedeutet in erster Linie, bestimmte Dinge (wie Sprechen und Denken) zu vermeiden – und sich ansonsten meist unbewusste Handlungen (wie Atmen, Gehen, Hören) bewusst zu machen.

Station 1: Augen zu und Stehen.

Es ist 8:45 Uhr. Wir, eine Gruppe von ungefähr zehn Leuten, treffen uns vor dem Ganghofer-Museum, wo zwei kurzbeinige Ponys Kräuter fressen, die Kräuterfee Johanna Krug uns später als Hänsel und Gretel beziehungsweise Rotklee vorstellen wird. Entgegen der Prognosen scheint das Wetter zu halten. Und entgegen der gängigen Vorstellungen die man vom Wandern hat, beginnt unser Weg heute mit Stehen: So schließen wir unter Wolfgangs Anleitung die Augen und lenken unsere innere Aufmerksamkeit auf die Zehen, die fest von den Wander- oder Sportschuhen umschlossen und die schon bald trockene Äste brechen und Pfützen ausweichen werden. Wie ein Scanner lassen wir den Fokus über die Waden und Oberschenkel bis zu den Schultern wandern, die bei vielen von uns wahrscheinlich eher angespannt als locker sind. Ein paar Atemzüge später öffnen wir wieder die Augen, die das Grün der Wiese aufsaugen. Und dann beginnen wir zu gehen, ohne zu sprechen. „Erst wenn das Sich-Äußern aufhört, fängt das Erinnern an“, meint Wolfgang, während wir uns darauf konzentrieren, was die Zehen beim Gehen eigentlich machen.

Station 2: Einpendeln. 

Nach ein paar Minuten bleiben wir wieder stehen. Ziel der nächsten Übung: Das Einpendeln auf die eigene Mitte. „Je mehr man in seiner Mitte ist, umso kürzer werden die Schritte“, bemerkt Wolfgang. Im Umkehrschluss bedeutet das wohl: Wer hetzt, geht nach vorn gebeugt – und ist nicht im Einklang mit seiner Mitte, also mit sich selbst. Die Körperhaltung beim Gehen als Indikator für seine Ausgeglichenheit zu sehen, das könnte auch im Alltag funktionieren. Aber führt die Korrektur der Haltung dann automatisch zu mehr Ausgeglichenheit? Einen Versuch ist es wert.

Station 3: Rahmen im Wald.

Wir gehen über eine kleine Holzbrücke, darunter wild rauschendes Wasser. Nach einer kurzen Weile schluckt uns der Wald, dessen Hauptpfad wir schon bald zugunsten eines dünnen Trampelpfads nach rechts verlassen. Unter den Schuhen knacksen trockene Zweige und wer nicht Acht gibt, dem peitschen dünne Äste mit hellgrünen Knospen ins Gesicht. Ein paar Minuten später: Ein großer Holzrahmen, aufgespannt zwischen Bäumen, der einen Baum vor atemberaubender Kulisse umrahmt und so in Szene setzt. Wir betrachten den Holzrahmen und das, was er einfasst, von mehreren Standorten aus, mal von weiter vorne, dann von ganz links hinten. Das „Bild“ mit dem Baum sieht jedes Mal anders aus. „Manche stört der Rahmen, weil sie ihn als Beschränkung wahrnehmen. Für andere wiederum schafft er einen Fokus“, so Wolfgang. Also ist Wirklichkeit nicht nur Produkt der Perspektive, sondern auch der persönlichen Brille, mit der man durchs Leben geht: Gedanken, Überzeugungen, Glaubenssätze, die bestimmen, ob man einen Rahmen im Wald als Beschränkung oder Einladung zur Fokussierung wahrnimmt.

Station 4: Energieaufnahme.

Wir gehen weiter bis wir eine Art Platz mitten im Wald erreichen, auf dem mehrere Holzplateaus stehen, die an Bühnen erinnern. So, als würden hier hin und wieder Theaterproben stattfinden. Wir verteilen uns, aber nicht um zu spielen, sondern um uns auf die Qi-Gong-Übungen einzulassen, die Wolfgang uns zeigt. Die Szene könnte nun wie die Probe eines Orchesters wirken, dessen einziges Geräusch ein mehrtöniges, gleichmäßiges Atmen ist, angeleitet von einem Dirigenten, der keiner sein will. „Ich versuche, den Leuten zu vermitteln, dass alles, was sie brauchen, schon da ist – in der Natur. Wir glauben immer, wir müssen alles selbst machen, aber eigentlich brauchen wir es nur abzuholen.“ so Wolfgang.

Station 5: Ziele hinter Wolken.

Dass die Natur hier so einiges zu bieten hat, wird uns beim nächsten Stopp buchstäblich vor Augen geführt. Schauplatz ist eine weitere Lichtung, irgendwo inmitten des Waldes, der hier mit seinen eingerollten Farnen und dornigen Sträuchern wie ein verwunschener Garten aus anderen Zeiten wirkt. Mehrere Baumstumpf-Hocker laden wie in einem Freiluft-Kino zum Sitzen ein. In der Hauptrolle: Die Hohe Munde. Wir sitzen, atmen und schauen den Wolken dabei zu, wie sie im Vorbeiziehen den Gipfel des 2662 Meter hohen Bergs verdecken und wieder freilegen. „Auch wenn der Gipfel nicht zu sehen ist, so ist er dennoch da.“ sagt Wolfgang und meint damit jetzt eigentlich die Ziele, die man sich im Leben gesetzt hat, setzt oder setzen wird. Nicht immer sind sie klar, oft verliert man sie aus dem Blick, manche müssen erst gefunden werden, aber: Sie sind da. Und der Weg dorthin ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern ein Teil des Ziels, bei dem jeder Schritt Spaß macht und Erfüllung bringt, wenn er mit Achtsamkeit gesetzt wird.

Achtsamkeit, ein Wort der Stunde: „Die Leute beschäftigen sich immer mehr mit sich selber. Yoga, Meditation und Naturerlebnisse werden immer mehr nachgefragt. Und das Schöne ist: Was sie hier erleben, ist nachhaltig. Die Energie, die sie hier bekommen, bleibt.“ so Wolfgang, der all jenen, die denken nicht meditieren zu können, am Ende noch ein schönes Bild mitgibt: Man stelle sich vor, man sitze im Kino und sehe einen Film ohne Ton. Man lasse die Bilder einfach vorüberziehen, beobachte sie, und wenn der Ton in Form von Gedanken wieder losgeht, drehe man ihn einfach ab.

Pension Leutasch

Text: Martha Miklin // friendship.is
Fotos: Florian Lechner // friendship.is

16. August 2017

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