Die Geschichten

„Die Knickerbocker-Zeiten Sind Vorbei“

Ex-Profi Martin Tauber weiß, warum sich der Langlauf zur angesagten Trendsportart entwickelt hat.

Lange Zeit hatte der Langlauf ein Imageproblem, wenn man so will. Denn besonders angesagt war er im Vergleich zum alpinen Wintersport nie. Entweder galt er als Alternative für alternde Wintersportler, die sich nicht mehr die steilen Hänge hinab wagen oder man kannte die Bilder von Profisportlern die nach mehreren Kilometern auf der Loipe vor Erschöpfung im Ziel zusammenbrechen. Beides nicht gerade optimal um junge Freizeitsportler anzusprechen.
Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich einiges getan und so erobern immer mehr junge Menschen die Loipen. Der ehemalige Langlaufprofi Martin Tauber betreibt die Cross Country Academy in Seefeld und weiß, welche Faktoren dazu beigetragen haben, dass Langlauf auch bei der breiten Masse nun auf Gegenliebe stößt.

Sie haben mit acht Jahren mit dem Langlauf begonnen. Wie haben Sie den Sport damals wahrgenommen?

Das Haus meiner Eltern stand direkt an einer Langlaufloipe in Seefeld. Wir haben damals die Langläufer, es waren größtenteils ältere Leute, mit Schneebällen beworfen. Im Jahr 1985 – als ich eben acht Jahre alt war – fand die Nordische Skiweltmeisterschaft in Seefeld statt. Damals konnte ich die gesamte Medienpräsenz, die einer solchen Großveranstaltung zukommt, hautnah miterleben. Ich begann mich für das Langlaufen zu interessieren, obwohl es damals fast niemand bei uns betrieben hat. Rückblickend würde ich sagen, dass der Langlauf früher etwas verstaubt gewirkt hat.

Das hat Sie aber nicht abgeschreckt. Sie sind bei dem Sport geblieben und zum Profi geworden.

Ich war wohl schon als Kind jemand, der gerne gegen den Strom geschwommen ist. Von meinem achten Lebensjahr weg wollte ich nichts mehr anderes machen außer Langlaufen. Im Prinzip habe ich bis zu meinem Karriereende 2007 dann auch nichts anderes gemacht. Während meiner Profizeit durfte ich zwei Weltmeisterschaften und eine Olympiade miterleben. Das waren großartige Ereignisse für mich.

Hat sich die Sportart und ihr Ruf seit den 80er-Jahren verändert?

Natürlich und zwar komplett. Die wohl wichtigste Veränderung hierbei ist ebenfalls 1985 geschehen. Der Skating-Stil wurde zusätzlich zum klassischen Stil eingeführt. Das eröffnete der Sportart eine viel größere Zielgruppe. Man kann es vielleicht mit der Entwicklung im alpinen Skisport vergleichen – weg vom Parallelschwung hin zum Carving. Das Skating ist eine viel jüngere und dynamischere Form der Bewegung, die regen Zulauf erfährt. Das merken wir auch bei den Anmeldezahlen in unserer Cross Country Academy.

Die Technik ist die eine Sache, aber das wird nicht der einzige Grund sein,warum Langlauf immer angesagter wird?!

Auch beim Material hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Dadurch ist Langlauf nicht mehr schwer zu erlernen. Beim Skating haben wir die Leute nach drei Tagen so weit, dass sie die Loipen der Region alleine erkunden können. Bei der klassischen Technik genügen ein bis zwei Trainerstunden und schon können sie los. Das muss auch das Ziel sein. Wir wollen die Gäste nicht sieben Tage lang an uns binden, auch wenn wir als Skischule gut davon leben könnten.

Das Erscheinungsbild der Sportler wirkt auch verändert. Man möchte fast sagen, Langläufer schauen jetzt cool aus.

Vorher sind die Leute ja mit allem Möglichen auf der Loipe gestanden. Die Zeiten der Knickerbocker und der Trainingsanzüge vom Diskonter sind allerdings wirklich vorbei. Heute gibt es schöne Kleidung und der Langlauf ist auch dadurch zu einer bunten und jungen Sportart geworden. Als wir die Cross Country Academy eröffnet haben, haben wir beim Bildmaterial für unsere Webseite und unsere Werbefolder großes Augenmerk auf ein sportliches Erscheinungsbild gelegt. Ich war darauf immer nur im Rennanzug zu sehen. Das war nicht nur ziemlich kalt beim Shooting, sondern hat mir auch eine Menge Kritik eingebracht. Viele haben zu mir gesagt: „Unsere Leute wirst du damit nicht ansprechen, das ist nicht unsere Zielgruppe.“ Aber ich habe geantwortet, dass das wohl sein mag, aber dass ich damit genau die Menschen anspreche, die ich als Kunden haben will.

Der Fitnesstrend ist nichts Neues, aber spielt auch er dem Langlauf in die Karten? Weil sich die Menschen auch im Winter fit halten wollen und das vielleicht außerhalb des Fitnessstudios?!

Jeder will gesund und fit sein, um den steigenden Anforderungen im Arbeitsleben gerecht zu werden oder einfach um sich gut zu fühlen. Die Marathon- und Radsportszene wächst und wächst und auch im Winter wollen die Leute aktiv sein. Jetzt kann ich entweder ins Fitnessstudio gehen und einen Muskel nach dem anderen trainieren oder ich gehe zwei Stunden auf die Loipe und trainiere damit 95 Prozent der gesamten Muskulatur. Ich fühle mich anschließend zwar erschöpft, aber auch zufrieden. So ist es mir seit meinem achten Lebensjahr täglich ergangen. Jeder Tag war super, weil ich jeden Tag Sport gemacht habe. Schlecht drauf war ich nur, wenn ich einmal zwei Tage lang keinen Sport betrieben habe.

Das schöne am Langlauf ist wohl auch, dass man alles aus eigener Kraft erreicht – ohne große technische Hilfsmittel.

Absolut! Ich bin in der Natur unterwegs, kann mich an dieser in Ruhe erfreuen, jeden Anstieg selbst bewältigen und in jeder Abfahrt das Tempo genießen. Dieses Naturerlebnis ist sicher auch nicht zu unterschätzen. Im Anschluss schaue ich dann auf meine GPS-Uhr und sehe, dass ich 18 Kilometer zurückgelegt habe, 450 Höhenmeter waren auch dabei und das Ganze in zwei Stunden und 15 Minuten. Das macht natürlich stolz und fühlt sich gut an.

Sie haben GPS-Uhren und Leistungsdaten angesprochen. Beim Joggen ist es bereits alltäglich, dass man sich mit Freunden via App vergleicht und seine Zeiten teilt. Spielt das beim Langlauf auch eine Rolle?

Sich miteinander zu messen, spielt im Sport immer eine Rolle, auch wenn es sich um keinen konkreten Wettkampf handelt. Im Langlauf ist es noch nicht so ausgeprägt, weil es keine so große Zielgruppe gibt. Wenn ich in Seefeld jogge, kann ich mich mit meinen Freunden in Wien vergleichen. Das geht beim Langlaufen nicht, weil ich den Sport nicht überall ausüben kann. Aber irgendein schlauer Fuchs wird sich da sicher eine App oder etwas ähnliches ausdenken und damit die Langlauf-Community bedienen. Potential ist auf jeden Fall da.

Cross Country Academy

Interview: Harald Triebnig // friendship.is
Fotos: Reinhard Lang, Beatrix Kovats // friendship.is

13. Oktober 2016

Lesen Sie die Geschichten von