Die Geschichten

Die Hüterin Der Gegenwart

Am Hof der Bäuerin Maria Gapp findet man den Brunnen des Lebens. Und das ist kein Märchen...

„Ich bin noch nie am Morgen aufgewacht und hab mir gedacht, jetzt muss ich das heute schon wieder machen”, fasst Maria Gapp ihr Leben als Bäuerin zusammen. Seit dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren führt sie den seit 1804 bestehenden Gapphof in Seefeld, und das, abgesehen von der Mithilfe ihres Sohnes auf dem Feld, alleine. Ans Aufhören hat die umtriebige Bäuerin, die eigentlich einmal Bankangestellte war, nie gedacht. 

Besucht man die Website des Gapphofs nachdem man nach “Urlaub am Bauernhof Seefeld” gegoogelt hat, muss man gleich einmal beim einleitenden Satz verweilen: „Schöpfen Sie aus dem Brunnen des Lebens.“ Die Worte fühlen sich stimmig an, und man lässt das entstandene innere Bild noch gerne ein wenig länger nachwirken: Ohne Maria Gapp zu kennen spürt man ihr offenes Wesen. 
Trifft man sie dann zum ersten Mal beeindruckt sie mit ihrem Einfühlungsvermögen oder ihrer emotionalen Intelligenz, wie man heutzutage sagen würde. Und genau diese veranlasst Maria, ihren Gästen bewusst kein Programm zu bieten. Nicht, weil sie nicht jedem Trend nachlaufen will, sondern „weil die Leute einfach einmal runterkommen wollen”.

Die Natur, das Heilmittel alles Vergänglichen

Beinahe 400 Jahre zurück reicht die Geschichte der Bauernfamilie Gapp, seit 1804 ist der Gapphof deren Mittelpunkt. Aktuell tummeln sich hier vier Generationen, von der Uroma bis zum Urenkel. Die modern denkende Maria aber hat sich auf dem Grundstück ihr eigenes Haus gebaut, denn nicht nur die junge Generation braucht ihre eigenen vier Wände um sich zurückzuziehen, wenn die Herausforderungen des Lebens gelegentlich zu groß erscheinen. Und solche erlebt man vielleicht gerade auf einem Bauernhof auf besonders intensive Weise. 

Als Maria 1979 im zarten Alter von 20 Jahren von ihrem Job in der Bank in den Stall wechselte, hat sie mit ihrem Mann den Hof erst einmal von Grund auf umgekrempelt und dann über Jahrzehnte hinweg liebevoll wachsen lassen. Man kann gut nachvollziehen, dass für sie nichts in der Welt ihren Gapphof ersetzen kann. Selbst als ihr Mann vor zehn Jahren verunglückt ist, hat Maria keinen einzigen Gedanken ans Aufgeben verschwendet und sich schnell an den Alltag alleine gewöhnt. Was ihr hilft die Unbegreiflichkeit des Vergänglichen zu erfassen ist das Arbeiten draußen in der Natur, im sanften Rhythmus der wechselnden Jahreszeiten. 

 

Zu tun gibt es immer etwas: mit den Gästen oder mit den Kühen. Letztere „kommen im Sommer von der Weide gelaufen wenn ich sie zum Melken rufe … Ich weine jedes Mal, wenn ich eine von ihnen verkaufen muss.” 
Dass Maria Gapp Bäuerin mit Leib und Seele ist, zeigt sich auch als sie das Garagentor öffnet und ein Traktor zum Vorschein kommt. Den fährt sie nämlich lieber als ihr Auto. 

Selbst ist die Frau

Doch ist es nicht anstrengend, als Frau einen Bauernhof fast ganz alleine zu betreuen? „Man merkt schon, dass man müde wird”, lacht sie fast ein wenig verlegen. Aber wer Maria einmal bei der Arbeit mit der Kettensäge gesehen hat der weiß, dass sie ohne Wimpernzucken ihren Mann steht. In wenigen Minuten nämlich hat sie den Stamm eines Baumes in gleich große Stücke zerteilt. 
Deshalb huscht ihr beim Gedanken über den Traum vieler, einfach auszusteigen und einen eigenen Bauernhof zu bewirtschaften, nur ein vergnügtes Lächeln über die Lippen. „Da kommen dann so manche nach zwei Jahren daher und sagen, das hättest aber auch sagen können, dass das soviel Arbeit ist.” Das Schöne daran sucht sie sich selber - und man schmeckt es dann mit vollem Genuss: in ihrem hausgemachten Topfen und Frischkäse, den sie ab Hof und an ein paar Großabnehmer wie den Quellenhof in Leutasch verkauft. 
Maria Gapp tut einfach, mit Freude und einem Wissen, das intuitiv scheint - während die meisten von uns versuchen würden, sich Know-how über ein ‘How To’-Video auf youtube anzueignen. 

Als die Sonne durch die Wolken bricht, gönnen wir uns eine Pause auf der Bank vor dem Haus. Maria bringt frisches, selbstgebackenes Brot. Zusammen mit dem wunderbaren Frischkäse und der Aussicht auf die Berge fällt es einem leicht, einfach zu verweilen. Es sind Momente wie dieser, die einem später, wenn die Geschwindigkeit des Alltags einen längst wieder eingeholt hat, Antrieb geben. „Mögt ihr was anderes trinken? Ansonsten haben wir Brunnenwasser”, holt uns die aufgeweckte Stimme von Maria Gapp wieder zurück ins Jetzt. Einen Moment lang lauschen wir dem aufgeweckten Plätschern in der Holztraufe vor dem Garten. Maria Gapp wollte immer in Tirol wohnen. Nun ist Seefeld ihr Zuhause geworden. 

Ideen hätt ich noch viele, dafür müsste ich 100 Jahre alt werden

Die geschäftige Maria zeigt sehr viel Sinn für Humor. Vor allem aber besitzt sie unendlich viel Energie. Sie macht nämlich noch Ringelblumensalbe für ihre Gäste, mit denen sie auch mühelos auf Französisch konversiert. Sie ist ausgebildete Bergwanderführerin. Ein paar Italienischkurse und einen Computerkurs hat sie belegt. Und dann wäre noch der Wunsch nach der Ausbildung zur Kräuterpädagogin. „Mei, Ideen hätt ich noch viele, dafür müsste ich 100 Jahre alt werden”, lacht sie vergnügt.
Auch nach drei Stunden mit Maria wirkt ihre Begeisterung nicht weniger ansteckend. Wenn man sie so dasitzen sieht, kommt man nicht um den Gedanken herum, dass sie ein Mensch ist, der die Gegenwart voll und ganz akzeptiert. Der Dankbarkeit empfindet durch bewusst wahrgenommene, vom Leben geliehene Momente - wie der, in dem sie vor dem Regen noch schnell das Heu einbringen kann.
Auf einmal kommt der Spruch auf der Website vom Gapphof in den Sinn und man spürt wieder das stimmige Gefühl im Bauch. Wenn jemand aus dem Brunnen des Lebens schöpft, dann ist das mit Sicherheit Maria Gapp. 

Text: Sandra Pfeifer
Fotos: David Payr // friendship.is

 

17. August 2015

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