Die Geschichten

Kräutergeflüster

Kräuterfee Johanna kennt jedes Kraut der Region. Ihr Credo: Es gibt keine Unkräuter. 

„Bei uns brauchst keinen Kräutergarten machen, da wächst nix!“ bekam Johanna Krug zu hören, als sie Anfang der 1980er Jahre der Liebe wegen nach Leutasch kam – und schließlich hier blieb. „Das hat meinen Ehrgeiz geweckt“, erzählt sie. Und so fing sie an, mit Grünzeug aller Art zu experimentieren, Bücher zu lesen und Kurse zu besuchen, um schließlich eine Kräuterpädagogikausbildung zu absolvieren. Heute wächst, gedeiht und duftet in ihrem Garten mehr als in jedem anderen der Umgebung. Und es gibt wohl niemanden weit und breit, der die Kräuter der Region lebendiger zu beschreiben vermag, als Johanna: Man stelle sie einfach nur in eine Wiese und lasse sie erzählen.  

Der Garten vor dem Ganghofer-Museum ist ein buntes Sammelsurium an Blumen, Pflanzen und Kräutern: Die einen (wie Johanniskraut oder Frauenmantel) wirken beruhigend, die anderen stärken die Knochen (zum Beispiel Beinwell) und den dritten, wie dem Mädesüß, wird schmerzstillende Wirkung zugesprochen: Es gehört zur Gattung der Spireae, aus denen auch Aspirin hergestellt wird. Johanna kennt sie alle. Johanna kennt ihre Herkunft, ihre Zugehörigkeit, ihre Eigenschaften und die Geschichten, die man über sie erzählt: So haben sich früher die Mädchen, wenn sie zum Tanz gegangen sind, Liebstöckel in den Rocksaum genäht, um attraktiv auf Männer zu wirken. Wermut (auch Beifuß genannt) war ein beliebtes Räuchermittel in Gerichtssälen – es sollte eine Atmosphäre schaffen, in der Gerechtigkeit gelebt wird. Und wenn es um die Bekämpfung der Dummheit geht, zitiert Johanna gerne Kräutergöttin Hildegard von Bingen: „Wer dumm und einfältig ist, der zerstoße Betonienkraut zu Saft, lege es abends auf die Brust und verbinde mit einem Tuch. Dies tue er oft, und der Verstand wird wiederkommen.“ 

Wenn Johanna von ihren Kräutern erzählt, dann tut sie das mit großer Freude und einer Selbstverständlichkeit, die nur das Resultat einer intensiven, liebevollen Beschäftigung mit der Materie sein kann. Mit geschickten Fingern zupft sie Blüten von Stängeln, zieht dünne Wurzeln die wie Nervenenden aussehen aus der Erde, und extrahiert Nektar aus Rotkleeblüten. Die sollen gut für Frauen in den Wechseljahren sein, da sie Östrogene enthalten – jene weiblichen Hormone, deren nachlassende Produktion ab einem gewissen Alter für diverse Beschwerden sorgen kann. Wie ein Musikstück für jemanden der davon Gänsehaut bekommt mehr ist als eine Aneinanderreihung von Tönen, ist eine Wiese für sie mehr als eine Grünfläche, auf der man picknicken kann und auf der ein Gänseblümchen nur eine zu oft gesehene, einfache Blume ist: „Das Gänseblümchen wird auch Arnika der Gebärmutter genannt, und das hat einen Grund: Es hilft zum Beispiel Kühen, die eine schwere Geburt hinter sich haben“, so Johanna, die aus den Kräutern Teekreationen, Tinkturen, Cremen, Kräutergewürzmischungen und „Gute Nacht-Kräuterkissen“ für besseren Schlaf zaubert. 

Wer unbedacht am Museumsgarten vorbeigeht, dem bleiben so einige Schätze verborgen. Eine Führung mit einer Kräuter-Koryphäe wie Johanna gibt einem schnell das Gefühl: Die Natur ist mächtig und hat so viel zu geben – man muss sich nur darauf einlassen und bereit sein, zu lernen. Manchmal reicht es auch, genauer hinzuschauen – das bestätigt die Signaturenlehre: Diese besagt, dass Kräuter bestimmte Merkmale – etwa Form oder Farbe - jener Organe annehmen, für die sie nützlich sind. „Die Blätter des Leberblümchens haben drei Lappen, wie die Leber selber. Und das Gefleckte Lungenkraut erinnert vom Aussehen her an Lungenbläschen“, so Johanna.

„Es gibt keine Unkräuter, jedes Kraut hat seinen Nutzen.“

Die Frau mit dem lexikonartigen Wissen ist fest davon überzeugt, dass jedes Kraut seinen Nutzen hat. Vermeintliche Unkräuter gibt es für sie nicht – dieses Denken sei das Resultat der Abneigung gegen wild Wachsendes, das außer Kontrolle zu geraten scheint und das Bild eines Gartens gefährdet, der geformt und durchgestaltet wirken soll. „Ich sag dann immer: Nicht ärgern, sondern essen!“, sagt sie und meint damit Grünzeug wie den Girsch (auch Zipferleinkraut genannt), der gerne wild wuchert, aber auch lecker schmeckt, wenn man die jungen Blätter als Salat zubereitet. „Ältere Girsch-Blätter kann man wie Petersilie verwenden: hacken und einfrieren. Die passen sehr gut in Spinatknödel oder Kräutersuppen“, so Johanna. Der Girsch schmeckt übrigens nicht nur gut, sondern soll auch bei Gicht helfen – als unterstützende Maßnahme, denn von Heilwirkung dürfe man offiziell nicht sprechen: „Kräuter dürfen nur als Lebensmittel verkauft werden, nicht als Heilmittel.“ Sie selber ist allerdings davon überzeugt, dass eine gesunde Ernährung mit dem gezielten Einsatz von Kräutern Krankheiten vorbeugen kann: „Was bei uns in der Natur reifen darf, hat das 400-fache an Wirkstoffen, verglichen mit einem Salat aus dem Supermarkt bei dem du nicht, weißt wie lange er schon herumliegt. “ 

Wie das einfache Gänseblümchen oder den wild wuchernden Girsch weiß Johanna auch die oft verschmähte Brennnessel zu schätzen: „Die Brennnessel hat ganz viele Mineralstoffe und Spurenelemente und ihr Samen ist das natürliche Viagra für Männlein und Weiblein. Der schmeckt ganz nussig und passt zum Beispiel gut aufs Butterbrot“, erzählt sie. Und um sich nicht zu verbrennen, gibt es einen einfachen Trick: „Wenn man die Brennhaare gegen den Strich streift brechen sie ab und das brennt. Wenn man sie in Richtung der Haare streichelt brennt’s nicht. Das ist wie bei den Katzen: Die mögen es auch nicht, wenn man sie gegen den Strich streichelt!“ so Johanna. 

Die Weisheit der Kräuter 

Wenn man Johanna so zuhört, wird einem schnell klar, dass Kräuter für sie nicht nur ein Forschungsgebiet sind. Vielmehr wirkt es so, als würde sie ihnen nicht nur Wirkung, sondern auch Intelligenz und vielleicht sogar Intentionalität zusprechen: „Ich glaube, dass Kräuter, die zu Unkräutern gemacht werden, sich durch ihr Wuchern umso mehr bemerkbar machen und sagen: ‚Hallo, ich bin auch noch da, vielleicht kann ich dir helfen!’“ Man merkt ihren Respekt und ihre Wertschätzung für alles, das die Natur hervorbringt: Seien es hochgelobte und beliebte Kräuter wie Rosmarin, Oregano und Kamille oder sich durchkämpfende „Underdogs“ wie Brennnessel, Girsch oder die knallgelbe Goldrute, die sich von Abgasen nicht beeindrucken lässt und entlang von Autobahnen ganze Felder zum Strahlen bringt. „Kräuter sind ein unendliches Thema. Wenn man eine Türe öffnet, sind zehn weitere dahinter.“ sagt sie abschließend, ohne von diesem Reichtum überfordert zu wirken. Ganz im Gegenteil: Aus ihrem Blick spricht jene Neugier, die auch automatisch all jene Menschen befällt, denen sie ihr Wissen – und ihre Leidenschaft – weiter vermittelt.  

Johannas Kräutergarten

Text: Martha Miklin // friendship.is
Fotos: Florian Lechner // friendship.is

25. August 2017

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