Die Geschichten

Die Kunst, Sich Selbst Treu Zu Bleiben

„Ich will das, was ich erlebe, möglichst intensiv darstellen”, sagt Profi-Kletterer und Fotograf Heinz Zak aus der Olympiaregion Seefeld

„Ich hab euch vorher nicht gehört, weil ich auf meiner Highline am Dach war und nicht immer gleich zum Telefon greifen kann”, sagt Heinz Zak mit einem breiten Grinsen, als er uns die Tür aufmacht - barfuß, den Klettergurt noch um sein Becken geschnallt. Selbst bei ihm zu Hause ist der Profi-Kletterer, Fotograf und Slackliner aus der Olympiaregion Seefeld nicht leicht zu fassen. 
Beim flüchtigen Blick in seinen Garten scheint es so, als ob er mit dem zwischen zwei Pfählen gespannten Gurt eine Abkürzung zum nahegelegenen Karwendelgebirge, seinem zweiten Zuhause, legen will. Der ehemalige Lehrer ist ein absoluter Freigeist, der einen mit seiner starken Präsenz und Offenheit schnell in den Bann zieht. Seine gletscherblauen Augen und seine vergnügte Stimme sind der offensichtliche Beweis dafür, dass seine Leidenschaft ihn vom Alltagsaltern fern hält. Dennoch sagt er, dass im Leben nichts umsonst ist. 
Um die intensiven Bergmomente festzuhalten hat Heinz Zak immer seine Kamera dabei. Aus dem gesammelten Material seiner vielen Abenteuer sind bereits einige wunderschöne Bücher entstanden. 
Wir versuchen, den vielschichtigen Charakter des Heinz Zak zu ergründen, und das, was ihn antreibt täglich seinen Traum zu leben. 

Ein Leben ohne Berge kann ich mir nicht vorstellen.

Ich war als Kind mit meinen Großeltern wochenlang auf der Alm. Da habe ich schon gemerkt, dass mir Berggehen einfach Spaß macht. 
Die Berge sind für mich bis heute ein positiver Lebensbegleiter. Durch sie habe ich erfahren, dass ich stark sein kann. Und, auch, wie wichtig Freunde für mich sind. Mit denen etwas zu erleben, ist viel wertvoller und intensiver als alleine.

Sich der persönlichen Herausforderung zu stellen, das ist mir noch immer sehr wichtig.

Mit Klettern habe ich sehr früh etwas gefunden, wo ich selbst verantwortlich Entscheidungen treffe und wo ich auch gut bin. Ich wünsche jedem, dass er etwas findet, worin er wirklich gut ist. Das ist für mich ein wichtiger Punkt, um glücklich zu sein. Das ist wie ein positiver Anker im Leben. 
Für etwas hart zu trainieren oder konsequent an etwas dranzubleiben hat sich für mich immer noch gelohnt. Diese Erfahrung habe ich beim Klettern gemacht, später beim Fotografieren und Slacklinen.
Was das Risiko angeht, lege ich sehr viel wert auf Sicherheit und bereite meine Aktionen gewissenhaft vor. Ich würde allerdings nie behaupten, dass ich das Risiko exakt kalkulieren kann.
 

Bei meinem Freesolo der „Separate Reality”-Route im Yosemite Nationalpark, wo ich 200 Meter über dem Boden ein sechs Meter horizontales Dach ohne Seilsicherung hinaus geklettert bin, bin ich das Risiko freiwillig eingegangen, weil ich sicher war, dass ich es schaffe. Dabei hat mich vor allem die Auseinandersetzung in meinem Kopf interessiert: Wie stark kann ich mich in etwas hineinversetzen, und wie kann ich geistig meine Kräfte mobilisieren.

Ich bin vieles, aber immer mit voller Leidenschaft dabei.

Ich wechsle oft meine Ziele - also mal bin ich Kletterer, dann Bergsteiger oder Slackliner - was eigentlich mühsam ist, denn man muss in allem erst wieder richtig gut werden. Umsonst kriegt man nichts.  
Aber, wenn mir etwas keinen Spaß macht, brauche ich eine Pause. Das gilt auch fürs Klettern. Ich glaube, das ist auch der Grund warum ich heute noch so lebendig und vital bin.
In erster Linie bin ich Kletterer, weil es so ein wahnsinnig starkes Erlebnis ist, und dann Fotograf. Zum Glück habe ich insgesamt im Leben eine großartige Unterstützung durch meine Frau Angelika und meinen Sohn Martin. Sie vertrauen mir voll und ganz. 

Der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühle, ist bei mir zuhause

Heimat ist tief in mir verwurzelt. Wirklich kennengelernt habe ich diese erst nach vielen Reisen ins Ausland. Da habe ich entdeckt, was der Karwendel oder das Stubaital für mich sind: ein intensiver Freiraum, wo ich ein- und abtauchen kann. Ich empfinde große Dankbarkeit, dass ich hier leben darf. 
Nach dem ersten Karwendelbuch war ich traurig, weil ich nicht wusste, ob ich für mich erneut die Berechtigung finden würde, wieder hinzugehen. Jetzt, nach dem zweiten Buch weiß ich, dass ein solcher Gedanke völlig unbegründet ist.

Ich habe das Glück gehabt, immer wieder diesen Zauber des Neuen erleben zu dürfen.

Früher war es mir extrem wichtig, neue Klettergebiete zu erkunden; die schönsten und kraftvollsten Plätze in der Welt zu suchen. Angelika und ich sind viel auf Reisen gegangen, wir haben immer im Freien übernachtet, das war ein Teil von unserem Erleben. Ich fühle mich nach wie vor als ein Reisender: neue Leute kennenzulernen, immer wieder mit dabei sein zu können, wo sich etwas Neues auftut.
Es hat mich immer schon gereizt, den Schritt ins Unbekannte zu wagen. Durch meinen Freund Dean Potter bin ich zum Slacklining gekommen. 
Ich habe Ende der 1970er schon beobachtet, dass die amerikanischen Kletterer auf Seilen balanciert sind. Später haben sie gesehen, dass ein Schlauchband sinnvoller ist. Highlinen war dann nochmal eine andere Herausforderung und es freut mich, dass ich da auch beim Entwickeln der Sicherheitssysteme mitdenken durfte.  

Die originale Highline, die Dean Potter extra für die legendäre Highline am Lost Arrow Spire im Yosemite selbst hergestellt hat, habe ich immer noch. Wenn ich sie jetzt ansehe muss ich schmunzeln - die war eben nicht zu Ende gedacht. Aber wenn man immer nur denkt, dann entsteht nie etwas Konkretes. 
Wir haben immer unsere Träume gelebt -  und das wünsche ich jedem Menschen. Selbst denken und selbst handeln sind wichtige Schritte in diese Richtung. Und eine gesunde Portion Egoismus gehört da sicherlich dazu.

Text: Sandra Pfeifer 
Fotos: Heinz Zak

23. März 2016

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