Die Geschichten

Die Geschichte(N)-Erzählerin Aus Der Leutasch

Museumsleiterin Iris Krug liebt es, an den Wurzeln zu forschen und die Vergangenheit ins Heute zu übersetzen. 

„Oh Luggi, wie tuan wir zwoa, wir kommen nia zam!“ war Iris Krugs erster Gedanke, als sie 2010 die Leitung des Ganghofer-Museums in Leutasch übernahm. Wie die Jungfrau zum Kind sei sie zu ihrer jetzigen Position als Museumsleiterin gekommen, erzählt sie: Als ihr Vorgänger Emil Karl Braito (1935 – 2011) krank wurde, habe er sie angerufen und gemeint, er würde das Museum gerne in ihre Hände legen. Auch wenn sie, die bisher im Tourismus gearbeitet hatte, bei diesem Telefonat fast vom Stuhl gefallen wäre („Das war so weit hergeholt!“), wusste sie im Inneren sofort, dass sie unmöglich ablehnen könnte: „Ich liebe Geschichte, Kunst und Kultur und finde es unheimlich spannend, an den Wurzeln zu forschen und zu graben“, erzählt sie. „Und der Dr. Braito wusste das.“ So fing alles an.

Heute ist die ehemalige Leutascher Volksschule nicht nur ein Museum, das den Namen des Schriftstellers und Lebemanns Ludwig Ganghofer trägt und die Dorfgeschichte rekonstruiert, sondern auch Bibliothek, Kunst- und Kulturhaus, immer offen für alle Leutascher - und auch eine beliebte Location für Lesungen, Ausstellungen, Vorträge und Co. Wo früher Kinder geturnt und lesen und schreiben gelernt haben, finden sich heute schön inszenierte alte Fotografien und Dokumente, gut erhaltene Gebrauchsgegenstände von damals und ausgestopfte Tiere der Region – vom Bussard über das Mauswiesel bis zur halbweißen Gams, die man besser nicht auf dem Gewissen haben sollte: „Wer eine weiße Gams schießt, stirbt innerhalb eines Jahres, so der Aberglaube“, lässt Iris Krug uns wissen.

Ludwig Ganghofer: Schriftsteller, Jäger und Strizzi 

Aber warum dachte sie nun, dass sie sich mit „Luggi“ Ganghofer, der rund um die Jahrhundertwende in seiner Jagdhütte im Gaistal (wo er sich auch sein bekanntestes Werk „Das Schweigen im Walde“ von der Seele schreiben sollte) gelebt hat, niemals anfreunden könnte? „Ein Jäger, ein Wilderer, eine schöne Frau und am Schluss ein Happy End: Die Verfilmungen seiner Romane sind schmalzig ohne Ende. Aber dann habe ich angefangen, mich richtig mit ihm zu beschäftigen. Und ich habe festgestellt, wie vif er war und wie sehr das, was er geschrieben hat, dem Zeitgeist entsprach: In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg brauchten die Menschen einfach diese heile Welt“, so Iris Krug über die Ganghofer’schen Heimatromane. Und sie forschte weiter und fand heraus, dass der Schriftsteller auch sehr gut fotografieren konnte, dass er Zither spielte, sehr gesellig war und die ersten Sommerfrischler nach Leutasch geholt hat: „Wo der Ganghofer war, sind die Leute gern hingefahren.“ Sie stellte fest, dass er Förderer des beliebten Dichters Rainer Maria Rilke und Entdecker des deutschen Schriftstellers und Schauspielers Karl Valentin war. „Und er hat super feiern können“, so Iris Krug. „Es hat Feste gegeben, da haben Männer und Frauen ihre Kleider getauscht. Den Rest darf sich jeder selber denken“, sagt sie und lacht. Und so wurde ihr der „Luggi“, der „schon ein bissl ein Strizzi war“, langsam lieb.

Leutasch: Hirsche, Holz und Landwirtschaft  

In der alten Volksschule dreht sich allerdings nicht alles um den wohlhabenden Schriftsteller, der Weine aus Südtirol liefern ließ und sich mit seinen Künstlerfreunden auf dem privaten Tennisplatz und der Kegelbahn hinterm Haus amüsierte. Eine Führung à la Iris Krug beleuchtet auch die Geschichte des Dorfes, das „Gott sei Dank geschichtlich immer wieder vergessen wurde, weil es abseits der Durchzugsroute liegt“. Daher mag die Vergangenheit vielleicht nicht so spektakulär sein, aber „sie zeigt sehr gut, warum der Leutascher so ist, wie er ist“, erzählt sie und meint damit den Mix aus Sturheit und Liebenswürdigkeit, der dem typischen Dorfbewohner hier zugeschrieben wird. Sie berichtet von einem harten Leben in Armut und von langen Wintern, die die Bevölkerung zu Gastarbeitern machten. Iris Krug ist stolz darauf, dass Leutasch die Holzkammer von Innsbruck und Hall war: „Wenn ich in der Innsbrucker Altstadt meinen Aperol schlürfe, sitze ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Leutascher Holz“. Natürlich betont sie auch die lange Jagdtradition, die nicht nur „der Ganghofer“ zu schätzen wusste: „Wir sind eines der größten Rotwildgebiete in Mitteleuropa und da laufen schon sehr viele kapitale Hirsche herum.“ Als Symbol dafür thront in einem der ehemaligen Klassenräume ein so genannter Stangenbaum, an dem die Stangen, also Geweihe, ein und desselben Hirschen angebracht sind, die dieser Jahr für Jahr abgeworfen hatte. „Anfangs konnte ich gar nicht glauben, dass die Jäger die Abwurfstangen ihren Hirschen so einfach zuordnen können, aber das können sie.“

Geschichte fühlen, schmecken, riechen

Die Museumsleiterin ist sehr darum bemüht, die Leutascher Geschichte zu entstauben, sie ins Jetzt zu übersetzen – ganz nach dem Motto des deutschen Komponisten Gustav Mahler: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Als Brücke verwendet sie dazu einerseits die Sinne: So hat sie 2012 einen einwöchigen Workshop für Schüler organisiert, der unter dem Motto „Leutasch, das Tal der Holzknechte“ lief: „Wir sind mit den Pferden rausgefahren in den Wald, haben mit der Wiegsäge Bäume umgeschnitten, Holzknechtmus gekocht und Waldkaugummi, also Baumharz, gekaut. So konnten die Kinder fühlen, riechen und schmecken wie es damals war“, erzählt sie. Ein anderes Mal hat sie aus Rezepten von alteingesessenen Leutascherinnen ein Kochbuch inklusive Koch-Event im Museumsgarten umgesetzt: „Damals hat’s ganz viel mit Kartoffeln gegeben, aber auch Kasknödeln und die Leutascher Gebirgsforelle, die schon Kaiser Maximilian im 15.Jahrhundert bei uns gefischt hat.“ Auch bei Führungen für größere Hotelgruppen serviert sie gerne Kuhmilch und Brot mit Bauernbutter, um jedes Mal aufs Neue von großem Appetit und euphorischen Reaktionen wie „Mah, das schmeckt wie bei meiner Oma!“ überrascht zu werden. „Das motiviert ungemein und ich denk mir: Wenn wir das, was wir heute haben, mit dem kombinieren, was wir aus der Geschichte lernen können, dann hätten wir ein Hammerleben“, so die Museumsleiterin, die damit auch ein wenig die Wegwerfmentalität kritisieren und zu einem nachhaltigen Umgang mit den Dingen anregen will.

„Wurzeln prägen – das ist einfach so.“

Aber nicht nur über die Sinne lässt Iris Krug Vergangenes wieder aufleben. Das Fundament der zweiten Brücke vom Damals ins Heute ist das Wissen um die Wichtigkeit der Wurzeln: „Mir ist es ein Anliegen, dass die Leute wissen woher sie kommen, weil Wurzeln prägen, das ist einfach so. Und wenn ich alte Fotos aus dem Archiv hole, die nicht beschriftet sind, kann ich trotzdem sagen, um welche Familie es sich handelt: Oft sieht der Bua, der heute in den Kindergarten geht, genauso aus, wie der Urgroßvater auf dem Bild.“ Mittlerweile kämen die Leutascher auch selber mit Fotos oder Gegenständen, weil sie merken würden, dass ihre Geschichte auch andere interessiert – das mache sie stolz. Auch für Iris Krug selber ist dieses Ausgraben und Freilegen der Wurzeln nicht nur ein Job, sondern eine Mission, die sie mit Herzblut und Gänsehaut betreibt: „Wenn wir neue Fotos oder Dokumente bekommen oder im Archiv arbeiten, kommt man von einem ins andere und dann tut sich wieder eine neue Tür auf – das ist unheimlich spannend“, sagt die Leutascherin, die ihre Heimat genauso liebt wie ihre Arbeit: „Wir leben auf einer Insel der Seligen, das ist einfach so. Leutasch ist ein Wahnsinnsort.“ Oder mit den Worten Ludwig Ganghofers: „Wen Gott liebt, den lässt er fallen in dieses Land“.

Ganghofer Museum

Text: Martha Miklin // friendship.is
Fotos: Florian Lechner // friendship.is

16. August 2017

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