Die Geschichten

Das Nordische Mekka

Dass die Bedingungen sogar den Top-Athleten der Nordischen Kombination ein ehrfürchtiges „Wow!“ entlocken, macht deutlich, warum Seefeld als Zentrum des nordischen Leistungssports gilt. 

Seit dem 15. Jahrhundert ist Seefeld ein beliebter Wallfahrtsort, und auch noch heute pilgern viele in die 3400-Seelen-Gemeinde. In der Hand haben sie allerdings kein Gebetsbuch, sondern Sprung- oder Langlaufski. Ihr Ziel: Das Seekirchl – das Wahrzeichen des Ortes. Es liegt idyllisch auf einem sanften Hügel, an dessen Fuße das „Mekka der Nordischen Glaubensgemeinschaft“: die Seefelder Casino Arena. Hier befinden sich die beiden Sprungschanzen und der Beginn eines regelrechten Loipenparadieses – vor allem für Leistungssportler.

„Seefeld ist europaweit unumstritten das nordische Mekka“, sprudelt es aus Bernhard Gruber, Österreichs Aushängeschild der Nordischen Kombination, heraus. Gruber bezeichnet Seefeld als sein „zweites Wohnzimmer“. Schon in seiner Jugend trainierte er beinahe täglich hier, wo auch der Saisonhöhepunkt im Weltcup der Kombinierer, das so genannte Nordic Triple, ausgetragen wird. Drei Tage, drei Wettkämpfe, ein Sieger. „Wenn kein Großereignis wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften auf dem Programm steht, dann ist dieser Event mit Sicherheit das Highlight für uns Athleten.“ 

Wie sehr er diesen Ort schätzt, verrät das Strahlen in seinen Augen, wenn er über die Möglichkeiten der Region spricht: „Alleine 279 Kilometer Loipen – das ist einfach der Wahnsinn. So etwas gibt es in Europa sonst nirgends. Du kannst hier so viele Destinationen anlaufen: Leutasch, Mösern, Wildmoos...“, so Gruber. „Du läufst in den Wald hinein und denkst dir nur: ‚Wow!’ Und du kannst locker eine Trainingseinheit von drei Stunden machen und läufst kein einziges Mal am selben Fleck vorbei. Das ist einzigartig. Zudem ist die neue Schanzenanlage ein richtiges High-Tech-Teil.“

Ständige Verbesserungen auf höchstem Niveau

Seefeld war schon immer ein Ort für Sport auf höchstem Niveau: Bereits zwei Mal – 1964 und 1976 – war die kleine Tiroler Gemeinde Austragungsort der Olympischen Winterspiele in den Disziplinen Langlauf und Nordische Kombination. 1985 fanden hier erstmals die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften statt. Auf Weltcupebene haben hier neben den Kombinierern auch schon die Spezialspringer und die Langläufer ihre Bewerbe ausgetragen. Zuletzt erlebte Seefeld 2012 eine Großveranstaltung der besonderen Art – die ersten Olympischen Jugend-Winterspiele. Der Zuschlag dafür hat auch dazu beigetragen, dass der Ort in puncto Nordischer Kompetenz noch einmal über sich hinausgewachsen ist. „Die Seefelder haben hier unheimlich viel getan und sie arbeiten permanent an Verbesserungen, das sieht man Jahr für Jahr“, so Gruber.

Wo Sportler ins Schwärmen kommen

Die perfekte Infrastruktur in Seefeld lässt Sportlerherzen aus aller Welt höherschlagen. Auf 1200 Meter Seehöhe gelegen, gibt es neben den schier endlosen Langlaufloipen mit eigenen Beschneiungsanlagen auch zwei komplett neue Sprungschanzen, eine Biathlonanlage sowie eine Rollerskistrecke für den Sommer. „Die Kombinierer aus Japan haben sich drei Wochen hier vorbereitet, die Finnen kommen gerne hierher und auch die Norweger sind extra nach Seefeld geflogen, obwohl in Trondheim genug Schnee liegt“, erzählt Bernhard Gruber.

Faszination Nordische Kombination

Gerade für die Nordischen Kombinierer sind optimale Trainingsbedingungen das Um und Auf, in einer Sportart, in der „schon das Ende der Fahnenstange erreicht ist, wenn du mehr als zwei Wochen im Jahr kein Training machst“, wie der ehemalige Weltklasse-Kombinierer und zweifache Olympiasieger Mario Stecher verrät. Umso wichtiger sind passende Rahmenbedingungen, um das Maximum aus sich herausholen zu können.

Für viele mag es absurd klingen, zwei scheinbar gegensätzliche Dinge wie Schnellkraft und Ausdauer, wie sie im Skispringen bzw. Langlaufen gefordert sind, in einen harmonischen Einklang zu bringen. „Doch genau darin liegt die Challenge“, sagt Bernhard Gruber voller Enthusiasmus. Mathematisch betrachtet, könnte man denken, die Nordische Kombination ist eine Gleichung ohne Lösung: „Es herrscht fast immer irgendwo ein Ungleichgewicht. Investierst du ins Skispringen, kannst du dir sicher sein, dass du beim Langlaufen Einbußen hast und umgekehrt.“ Die gesuchte Erfolgsformel liegt dennoch näher als man denkt – nämlich beim Sportler selbst: „Du selbst bist das Zünglein an der Waage, das mit der richtigen Balance das Ungleichgewicht ausmerzen muss. Aber bis du in beiden Bereichen auf einem Top-Level bist, dauert es. Du brauchst unheimlich viel Geduld und Disziplin“, erklärt Bernhard Gruber die Komplexität und gleichzeitig den Reiz dieser Sportart.  

„Das wird eine bombastische WM“

Gruber zählt zu den ganz Großen der Nordischen Kombination, wie schon ein Blick auf seine Vita zeigt: Team-Gold bei den Olympischen Spielen, zwei olympische Bronzemedaillen im Einzel und vier WM-Medaillen. Diese Sammlung soll noch wachsen: „Ich bin schon oft gefragt worden, wie lange ich dem Leistungssport noch erhalten bleibe. Mein Fernziel ist die Heim-WM 2019 hier in Seefeld.  Alle geben hier 100 oder sogar 120 Prozent dafür, dass alles super organisiert über die Bühne geht. Ich bin mir sicher, das wird eine bombastische WM.“ Garant dafür, dass auch 2019 wieder Tausende in das Nordische Mekka pilgern werden.

Bernhard GruberWeltcup Seefeld, FIS - Internationaler Ski Verband

Text: Katharina Krutisch // friendship.is
Fotos: Katharina Krutisch, Reinhard Lang // friendship.is

21. März 2016

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