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Die Geschichten

Frauenpow(D)Er!

Es gibt Situationen, da bleiben Frauen lieber unter sich. Zum Beispiel bei den Freeride-Camps von Lorraine Huber in Lech Zürs am Arlberg – weil Männer beim Sport oft stressen.

Der Freeridesport gilt ja irgendwie schon als Männerding. Zwar gibt es keine offiziellen Statistiken, aber egal ob als Protagonisten in Skifilmen, bei der Freeride World Tour oder auch hinsichtlich der Absatzzahlen für diverses Equipment – stets dominieren die Männer. Eine die sich damit nicht einfach abfinden will, ist Lorraine Huber. Die österreich-australische Doppelstaatsbürgerin entschied sich nach ihrem BWL-Abschluss 2008 bewusst dafür, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen – und zählte damit zu den ersten Freeride-Profis in Österreichs.

Hat man es als Frau im Profi-Bereich schwerer?

Lorraine Huber: Die Frage muss ich eindeutig mit Ja beantworten. Da deutlich weniger Frauen den Sport ausüben und auch in den Medien verfolgen, ist auch der Markt viel kleiner. Und daher gibt es seitens der Industrie in der Regel auch weniger Geld für Projekte und Athleten-Verträge. Oft fehlt ganz einfach der Stellenwert, den die männlichen Athleten haben, obwohl man genau so hart arbeitet und genau so viel leistet. Außerdem spreche ich mit meinen Filmen und Aktivitäten ja nicht nur Frauen an, meine Facebook-Fans sind zu 75 Prozent männlich. Dennoch glaube ich fest daran, dass gerade im Frauenmarkt viel Potential schlummert, daher ist es mir ein persönliches Anliegen, mehr Frauen für den Sport zu begeistern.

Erreichen will Huber dies unter anderem mit den Women’s Progression Days in Lech, einem drei- bis viertägigen Freeridecamp, bei dem die Ladies unter sich bleiben. Denn: „In gemischten Gruppen ist die größte Angst vieler Frauen nicht jene, dass sie stürzen oder sich verletzten könnten, sondern dass sie zu langsam sind und die Gruppe aufhalten“, so Huber. Während es der Männerwelt oft darum gehe, „zu fahren bis die Schenkel rauchen“, steht bei den Women’s Progression Days der Genuss und die soziale Komponente im Vordergrund. Kurz gesagt: Spaß in der Gruppe statt Leistungsdruck. Die Teilnehmerinnen fahren auf ähnlichem Niveau und unterstützen sich gegenseitig beim Erlernen neuer Fähigkeiten und Fertigkeiten. Es entsteht ein entspanntes Ambiente, in dem sie sich wohlfühlen und Neues lernen können und Huber ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Leidenschaft für den Sport weitergeben kann. 

Leidenschaft, Begeisterung und Talent – was braucht es noch, um sich im Profi-Bereich durchzusetzen?

Lorraine Huber: Wenn du vom Freeriden leben möchtest, reicht es nicht, nur gut Ski zu fahren. Du bist in gewisser Weise deine eigene kleine Marketing-Firma und dein Name ist deine Marke. Dabei hängt es oft nicht primär davon ab, was du im sportlichen Bereich konkret leistest, vielmehr muss man als Profi-Freerider verstehen, wie man mit seinen Filmprojekten und Aktivitäten einen Mehrwert für eine Firma schaffen kann. Es geht um Return on Investment. Das erfordert professionelles Arbeiten und eine große Portion Eigeninitiative seitens des Sportlers, was meiner Meinung nach leider recht selten ist. Mir persönlich macht das zum Glück sehr viel Spaß und natürlich profitiere ich dabei auch von meinem Studium. Aber gut, Geld darf ohnehin nicht die vordergründige Motivation sein, denn als Freeriderin musst du bereit sein, gegen den Strom zu schwimmen – das schafft man nur mit Begeisterung und Leidenschaft. Nur wer diese Dinge hat, ist auch bereit, auf ein „normales“ Leben mit einem beständigen Job, einer Familie und einem schönen Polster Geld auf der Seite zu verzichten. Beispielsweise wäre meine Schwester vermutlich talentierter gewesen als ich, aber sie könnte meinen Beruf nicht ausüben, weil sie einfach mehr Sicherheit braucht – auch finanziell. Als Freeriderin muss man mit einem vergleichsweise hohen Grad an Unsicherheit gut zurechtkommen.

Nicht die finanzielle, aber die alpine Sicherheit spielt auch bei den Women’s Progression Days eine wichtige Rolle. Huber fühlt sich in der Verantwortung, ihr Know-how weiter zu geben – gerade weil in ihren Filmen meist nur Aufnahmen von spektakulären Abfahrten und atemberaubenden Landschaften zu sehen sind. „Was ich kommuniziere, regt Menschen an, ins Gelände zu fahren. Aber man darf nicht immer nur den geilsten Teil zeigen“, so Huber. Bei den Camps werden auch die Risiken des Sports thematisiert. Lawinenlageberichte interpretieren, Gelände lesen, souverän mit der Notfallausrüstung umgehen und in Notsituationen selbständig handeln zu können – diese Skills will Huber vermitteln.

Wie gefährlich ist Freeriden?

Lorraine Huber: Eine schwierige Frage, da vieles vom Faktor Mensch abhängt. Als Profi hat man natürlich das Können, um auch in schwierigem Gelände relativ sicher unterwegs zu sein. Eine Line, die für uns noch im sicheren Bereich ist, kann für einen Amateur sehr gefährlich sein. Hinzu kommen objektive Gefahren, wie beispielsweise Lawinen, die auch erfahrene Leute treffen können. Wie gefährlich Freeriden ist, kommt immer darauf an, womit man es vergleicht. Im Vergleich zu einer Fußballkarriere etwa, ist es extrem gefährlich. Das muss ich ganz ehrlich sagen.  

Neben dem Lernen geht es bei den Women’s Progression Days auch ums Netzwerken. Die Teilnehmerinnen wohnen gemeinsam in einer Unterkunft, nach dem Skifahren gibt es Yoga-Kurse und Apres-Ski-Abende. Denn schließlich soll auch die weibliche Freeride-Community gestärkt und besser vernetzt werden. Rund 30 Personen können derzeit am Camp teilnehmen, nach ihrer Profi-Karriere möchte Huber mehrere Termine im Jahr anbieten – genügend interessierte Freeriderinnen gäbe es dafür schon jetzt. Scheint also doch nicht nur ein Männerding zu sein...

www.lorrainehuber.com

Text: Matthias Köb // friendship.is
Fotos: Bergans of Norway // Fredrik Schenholm;
 Ian Ehm, Johannes Fink // friendship.is

6. September 2017

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