Die Geschichten

Sommerwanderung Mit Entschleunigungs-Botschafter

Wer mit Engelbert Prohaska durch die Kitzbühler Natur wandert, kommt auch bei sich selber an.    

Mit einer knappen halben Stunde am „Entschleunigungslift“, wie Wanderführer Engelbert Prohaska die neu erbaute Sesselliftanlage zur Kitzbüheler Bichlalm gerne nennt, fängt unsere Wanderung heute an. Und das ist schon mal ein guter Einstieg, denn mit Hast und Eile kommt man nicht weit, wenn man mit Engelbert die Kitzbüheler Berglandschaft erkundet.  „Ihr habt nichts davon, wenn ihr oben mit hängender Zunge ankommt“, sagt er. Der Genuss beim Gehen steht im Vordergrund, das gezielte Entspannen, das Sehen der Wiesen und Gipfel, Riechen der Blumen und Kräuter und Hören der eigenen Schritte und Kuhglocken. Dass unsere kleine Schnupper-Wanderung heute mit einer Beschleunigung endet, hat andere Gründe. Aber immer schön der Reihe nach.

„Wandern boomt, keine Frage“

Als wir aus dem Lift steigen, liegt die Bichlalm halb versteckt im Nebel. Die 1.600 Meter, auf denen wir uns befinden, kann man buchstäblich riechen. „Ich wünsch mir für euch, dass es heute noch aufreißt“, sagt Engelbert, bevor wir uns auf den Weg machen. Der Sommer zeigt sich heute von seiner melancholischen Seite. Aber das könne sich schnell ändern, so der Wanderführer, der seit 16 Jahren im Auftrag des Kitzbüheler Tourismus mit größeren und kleineren Gruppen die bergige Landschaft rund um Kitzbühel erwandert – bei strahlendem Sonnenschein oder frisch fallendem Pulverschnee, bei Minusgraden oder schweißtreibenden Temperaturen. Er begleitet lange Wanderungen, bei denen man bis zu sieben Stunden unterwegs ist, oder auch kurze, die etwa drei Stunden dauern. Seit letztem Jahr werden auch Schnupperwanderungen angeboten - für Menschen, die wissen wollen, ob das Gehen ihnen überhaupt liegt. Sein Klientel sind wanderbegeisterte Menschen oder solche, die wissen wollen, was dran ist an der Magie des Wanderns, von der alle sprechen. Es sind JapanerInnen und AmerikanerInnen, ChinesInnen und MitteleuropäerInnen. Es sind sehr viele ältere Menschen, aber in den letzten Jahren habe auch das Interesse der Jüngeren zugenommen, so Engelbert. „Wandern boomt, keine Frage“, sagt er. 

Woran das seiner Meinung nach liegt? „Wenn man andauernd mit den Füßen am Boden ist, erdet man sich intensiv und bekommt ganz viel Energie zurück. Außerdem haben wir hier diesen Grüneffekt“, erzählt er und meint damit die beruhigende Wirkung, die die Almwiesen, Waldbäume und -sträucher im Sommer ausstrahlen. Ganz abgesehen vom Panorama, das der Wilde Kaiser und die Hohen Tauern einem hier bieten. „Man muss sich vorstellen, dass hier 3000 vor Christus schon Leute gelebt haben. Damals haben sie Kupfer abgebaut. Die haben schon gewusst, wo sie hingehen. Diese Magie fühlt man hier ganz stark“, so Engelbert, der aus Zams „zuag’raste Oberländler“. Obwohl er kein „echter Kitzbühel“ ist, konnte er sich als Wanderführer etablieren. Die Begeisterung für die Berge liegt ihm im Blut („Schon als kleiner Lederhosenbua bin ich von Zuhause abgehaut und auf den Berg.“) und nach ein paar unerfüllenden Jahren als Bankangestellter zog es ihn an die  Alpinschule Innsbruck. Dort erhielt er seine Ausbildung und auch die Möglichkeit, Berge außerhalb Österreichs kennen zu lernen: „Ich habe in Irland geführt, in Schweden und Norwegen, auf Madeira, Korsika, Sizilien und Kreta. Ich war in Sri Lanka und als ich nach Nepal durfte, hat sich mein großer Traum erfüllt.“ Einer seiner Trümpfe, als er sich in Kitzbühel als „Zuag’raster“ bewarb, lag darin, perfekt Englisch zu sprechen.  

Unser Ziel heute ist der Stuckkogel auf 1888 Höhenmetern. Eine kurze Wanderung, denn es sieht nach Regen aus. Wir gehen stetig bergauf, treffen auf Eierschwammerl, schwarze glänzende Bergsalamander, die Heilpflanze Arnika und Moor. Wir steigen über niedrige Zäune, folgen Engelbert auf unbegangenen Pfaden und riechen an den schwarzpurpurnen Blüten des Blutröslis, die nach Vanille duften und nur in Höhenlagen wie dieser gedeihen. Kühe mit Kleeblättern im Maul, die uns im Weg stehen, bittet Engelbert mit einem lauten und gleichzeitig beschwichtigenden „Jo, Jo“ darum, uns vorbeigehen zu lassen. Sie schauen uns lange an und verlassen kauend und muhend den Weg, der uns zum Gipfelkreuz führen wird.  

Beim Wandern kommen d’Leut zam

Wir sind heute nur zu dritt, aber in der Hochsaison kann es durchaus vorkommen, dass Engelbert mit bis zu 25 Personen unterwegs ist. 80 Prozent seiner Schäfchen sind Stammgäste, aber zusammengewürfelte Gruppen aus „Alten“, die schon alles über die hiesige Flora, Fauna und Historie erfahren haben, und „Neuen“, die jedes seiner Worte aufsaugen und viele Fragen stellen, lassen sich nicht vermeiden. Die Herausforderung besteht darin, den Wissensdurst der einen zu stillen ohne die anderen dabei zu langweilen. „Dann sag ich immer zu den Stammgästen: ‚Kommt’s, ihr könnt schon mal vorgehen, ihr kennt das alles schon’“, so Engelbert. Ein guter Wanderführer zu sein erfordert schon ein wenig mehr als eine umfassende Kenntnis des Wegenetzes. Ein Gespür für den Menschen und das richtige Taktgefühl tragen ihren Teil dazu bei, dass man als Gast immer wieder kommen mag. „Das Wichtigste ist aber, authentisch zu bleiben. Und das Schönste ist, das Leuchten in den Augen der Gäste zu sehen, wenn wir am Gipfel ankommen“, sagt Engelbert.

Als wir den Gipfel erreichen, strahlen wahrscheinlich auch unsere Augen. Man kann es nur nicht sehen, denn mittlerweile bedecken die Kapuzen der Regenjacken unsere Gesichter. Engelberts Wunsch für uns ist leider nicht in Erfüllung gegangen: Die Wolken sind nicht dem blauen Himmel gewichen, sondern haben langsam, aber stetig angefangen zu regnen. Unser Gipfelmoment ist also kurz, aber intensiv. Als wir nach etwa 15 Minuten die Bichlalm erreichen, sind unsere Hosen nass. Wie gut, dass es dort einen Kamin gibt, der auch im Sommer seinen Dienst tut. Den Rest erledigen rote Kuscheldecken, die wir uns wie lange Röcke umbinden – und ein kleiner Haselnussschnaps.  

Text: Martha Miklin // friendship.is
Fotos: Florian Lechner // friendship.is

24. Oktober 2016

Lesen Sie die Geschichten von