Die Geschichten

Der Herr Des „Damengipfel“

Das Berghotel Faulhorn ist ohne körperliche Anstrengung nicht zu erreichen. Das sorgt für glückliche Gäste.

Wer Christian Garbani besuchen will, muss wandern. Einen Lift auf das Faulhorn, wo sein Berghotel steht, gibt es nämlich nicht, und auch mit dem Auto ist es nicht zu erreichen. Das macht das Berghotel zu einem besonderen Ort – und die Bewirtschaftung zu einer Herausforderung. Doch dazu später mehr. Zuerst wird gewandert. Praktischerweise ist das Faulhorn Teil der Wanderroute von der Schynige Platte zum First. Das sei, so versichert man uns mehrmals, eine der schönsten Wanderungen im Berner Oberland. Aber auch eine ordentliche Strecke. Knappe 16 Kilometer sind es, um genau zu sein.

Wir starten unsere Tour in Wilderswil. 50 Minuten dauert die Fahrt mit der Zahnradbahn zur Schynige Platte. Langsam, aber beständig geht es bergauf. Für Bahnromantiker ist die Fahrt mit der über 100 Jahre alten Nostalgiebahn sicher ein Erlebnis der Sonderklasse, und auch wir genießen die Strecke mit Blick auf Eiger, Jungfrau und Mönch. Rund vier Stunden werden wir von der Bergstation bis zu Christian Garbani wandern, weshalb wir eigentlich nur wenig Zeit im botanischen Alpengarten Schynige Platte verbringen wollten. Allerdings beherbergt dieser über 650 Pflanzenarten der Schweizer Alpen und ist überaus sehenswert. Der Weg Richtung Faulhorn geht kontinuierlich aufwärts, wird aber selten wirklich steil. Und der Ausblick, der ist wirklich beeindruckend. Gleich zu Beginn blicken wir vom Grat auf den Brienzersee und den Thunersee. Auf ersterem sehen wir ein Wasserflugzeug starten, das aus der Ferne ein bisschen aussieht wie ein überdimensionierter Wasserläufer.

Der Alltag bleibt im Tal

Gesprochen wird wenig. Aufgrund der körperlich nicht allzu fordernden Steigung gerät man schnell in einen Trott, der einen den Alltag vergessen lässt. Der Hochnebel verwandelt die Berge in eine geradezu mystische Kulisse. Wir sehen einen Steinbock, ein Murmeltier und eine Gams. Auch ein paar wenigen Menschen begegnen wir, man grüßt freundlich in den Bergen. Dennoch fühlt man sich irgendwie – im positiven Sinne – allein. Vielleicht weil Menschen inmitten dieser atemberaubenden Berge irgendwie unbedeutend erscheinen.

Das letzte Stück hinauf zum Berghotel fordert uns dann doch. Denn obwohl das Faulhorn im 19. Jahrhundert aufgrund fehlender alpinistischer Herausforderungen wenig charmant als „Damengipfel“ bekannt war, geht es doch ordentlich bergauf. Wir sind also ein wenig außer Atem, als wir Christian Garbani die Hand schütteln. Das ist er jedoch gewohnt, für ihn macht das einen großen Teil des Reizes seines Berghotels aus: „Die Leute sind glücklich, wenn sie hier oben ankommen. Sie haben etwas geleistet, das sie sonst vielleicht nicht jeden Tag leisten. Und das spürt man.“

Neu ist nur manchmal besser

Seit 1830 steht das Berghotel am Faulhorn. Es ist das älteste Berghotel Europas. Große Teile des Gebäudes sind noch im Originalzustand. Für Christian Garbani, der das Haus bereits in vierter Generation führt, ist die Arbeit auf dem Faulhorn eine Gratwanderung zwischen Bewahren des Alten und Modernisierung: „Ein Beispiel: Wir hatten hier 180 Jahre lang keine Möglichkeit, Buchungen per Mail abzuwickeln, und ich habe mir überlegt, das beizubehalten“, so Garbani. „Aber dann habe ich eine Umfrage gelesen, wonach ein überwiegender Teil der Gäste am liebsten per Mail bucht. Warum soll ich mich dem verschließen?“

Durch seine Lage ist das Berghotel „kein einfacher Betrieb“. Sämtliche Transporte werden mit dem Hubschrauber durchgeführt. Das Wasser bezieht man aus einem eigens angelegten Speichersee. Dementsprechend brauche man am Faulhorn auch ein besonderes Gespür, um ein guter Gastgeber zu sein. „Es braucht Verständnis für das ‚Nicht-Wissen’ der Gäste“, so Garbani im Hinblick auf gewisse Annehmlichkeiten, die man am Faulhorn aufgrund der Lage und des Alters des Gebäudes einfach nicht bieten kann – beispielsweise Trinkwasser aus dem Hahn oder WLAN. „Wir versuchen immer, uns in den Gast hinein zu versetzen und zu überlegen: Was braucht der jetzt? Können wir dieses Bedürfnis befriedigen? Wenn nicht, muss man ihm erklären, warum. Dann ist es meistens auch überhaupt kein Problem.“ Im Gegenteil, meistens sei „das Alte und die Lage“ sogar ein Pluspunkt. Auch wir sind angetan vom Berghotel. Man fühlt sich irgendwie wie in eine andere Zeit versetzt. Die gemütliche Stube lädt zum Verweilen, der knarrende Holzboden und die getäfelten Wände zeigen, das gutes Handwerk Jahrhunderte überdauern kann – wenn man es pflegt. Antiquarische Wasserschüsseln und Krüge ersetzen die Wasserhähne in den Zimmern. Die Natur wirkt beruhigend und entspannend. „Heute spielt sich beruflicher Stress immer mehr im Kopf ab. Und da fällt das Abschalten hier oben vielleicht leichter“, vermutet Garbani.

Nach etwa drei Stunden, in denen wir eine spektakuläre Getränkeanlieferung per Hubschrauber beobachten können, verlassen wir das Berghotel Faulhorn wieder und machen uns auf den Weg zurück in die „echte Welt.“ Rund eineinhalb Stunden dauert der Abstieg zur Bergstation der Firstbahn. Gemächlich schlängelt sich der Weg hinunter in Richtung Bachsee und dort dem Ufer entlang. Dass man wieder näher an der Zivilisation ist und diese Gegend gemütlich mit der Firstbahn und einem kurzen Spaziergang zu erreichen ist, zeigt sich schon anhand der unzähligen Selfie-Sammler. Man kann ihnen das aber nicht übelnehmen. Die Landschaft ist überwältigend. Und wir wissen jetzt auch, warum unsere Wanderung als eine der schönsten im Berner Oberland gilt.

www.berghotel-faulhorn.ch | www.eigerness.ch

Text: Matthias Köb // friendship.is
Fotos: Florian Lechner // friendship.is

1. Dezember 2016

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